"Aber die Musik ist schon klasse".
Ob man die Filme mag oder nicht - dass die Soundtracks der Quentin-Tarantino-Filmen etwas Besonderes sind, darüber besteht Einigkeit. Und die Filme sind auch Meisterwerke, doch die explizite Darstellung der Gewalt schreckt auch ab.
Ist das eigentlich notwendig? Brauchen filmische Meisterwerke wirklich unbedingt dieses Ausmass an Brutalität auf der Leinwand?
Oder entspricht das einem menschlichem Bedürfnis? Wollen wir Menschen das sehen und Tarantino erfüllt nur dieses Bedürfnis?
Sie sind eingeladen auf eine Suche nach Gewalt und Brutalität.
Gerne hätten wir einen Tarantino-Film im Anschluss gezeigt, doch welchen? Irgendwie haben wir uns gescheut in einer Kirche unseren Gottesdienstbesuchern die Gewaltorgien aus Django Unchained oder Kill Bill vor Augen zu führen.
"Aber die Musik ist schon klasse"... und so haben wir als kulturellen Beitrag Sabine Berkefeld und Erik Regul eingeladen mit einer Auswahl an Tarantino-Soundtracks.
Predigt
Liebe Gemeinde,
Bang Bang i shot you down.
Zum Klang dieses Liedes werden im Film „Kill Bill“ 9 Menschen von Kugeln zerfetzt. In einer Hochzeitskapelle. Der schwangeren Braut wird in den Kopf geschossen, was sie absurderweise überlebt.
Der Rest des zweiteiligen Filmes besteht aus der Rache der Braut.
Augen werden herausgerissen, in einer Szene 88 Menschen mit einem Schwert aufgeschlitzt und zerhackt - bis ein ganzer Saal voller abgetrennter Körperteilen liegt.
Pistolen, Messer Schrotflinten, Lange Nägel in Latten, Giftschlangen, Menschen werden lebendig begraben, verbrannt, überfahren…
Und das ist nur einer von 9 Filmen des Regisseurs Quentin Tarantino. Und die anderen Acht sind nicht unbedingt harmloser in der explizit gezeigten Gewalt.
Alle diese 9 Filme sind Meisterwerke.
Schnitttechnik, Farbgebung, Kameraführung, Timing, egal welchen Bereich der filmischen Umsetzung sie auch nehmen – Das Opus von Tarantino besteht aus Höhepunkten des Kinos und ist vielfach ausgezeichnet worden.
Doch je älter ich werde, desto mehr stört mich das Ausmaß der Gewalt. Jeder dieser Filme würde auch mit weniger Gewalt auskommen. Nicht jede Gewalttätigkeit müsste so explizit dargestellt werden.
Vielleicht würde es ja auch reichen, wenn Blut fließt. Doch bei Tarantino sind es immer gleich Sturzbäche und Fontänen.
Die Gewalt wird zum Teil ganz ästhetisch gezeigt, die Choreographien könnten dem Ballet der Staatsoper entnommen sein.
Und alles unterlegt mit wirklich cooler Musik.
Ich werde jetzt aufhören, die Bilder der Tarantinofilme zu beschreiben. Sonst hätte ich einen der Filme im Anschluss ja auch zeigen können, anstatt es bei den Interpretationen der Filmmusik zu belassen.
Warum sehen wir uns das an? Warum ist die Darstellung von Gewalt so faszinierend?
Mehr als einen Erklärungsversuch habe ich dafür gefunden.
Gewalt sei, ähnlich wie die Sexualität, schlicht ein Teil des menschlichen Wesens, behauptet Thomas Nesseler, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde.
Und auch das Alte Testament würde das unterstreichen so heißt es am Beginn und am Ende der Sintflutgeschichte: 5 der HERR aber sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar
Das mag alles sein. Aber das erklärt noch lange nicht das Ausmaß der Gewalt, an der sich der Zuschauer bei Tarantino ergötzt.
Immacolata Amodeo, vom literaturwissenschaftlichen Institut der Jacobs-Universität Bremen behauptet, dass die Menschen Freude haben würden, Gewalt und Grausames im Rahmen erfundener Geschichten zu erleben.
Aber als ich in meinem Bekanntenkreis nachfragte, gab es da so einige, die das für sich verneinten.
Aber auch genug, die Gewalt zwar prinzipiell ablehnen, im Film sich davon aber dennoch faszinieren lassen.
Oder ist ein Film von Tarantino der Weg, mit dem der Regisseur eigene Gewalterfahrung verarbeitet?
Aber aus seiner Lebensgeschichte heraus, finde ich dafür keinen Beleg, dass Tarantino solche Erfahrungen gemacht hätte. Für viele andere Künstler jedoch scheint dies der Fall zu sein.
Nutzen wir als Zuschauer solche Filme, um experimentell bestimmte Lebenssituationen auch im Extrem zu erproben? Und nicht selbst die Gewalt ausleben müssen.
Vielleicht macht es ja auch Sinn, Gewalt in kulturellen Formen darzustellen. Nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für uns als Gesellschaft.
Zumindest wird das immer wieder behauptet.
Schon in der Antike, genauer bei Aristoteles (Poetik) wird Gewalt in kulturellen Ausdrucksformen als eine Möglichkeit der Läuterung gesehen. Wenn man sich Gewalt auf der Bühne anschauen kann und dadurch seinen eigenen Standpunkt findet, dann müsste diese Gewalt dann nicht im realen Leben ausgeübt werden.
Durch die Teilhabe an den Gefühlen und Leidenschaften der Filmfiguren würde auch die Seele des Zuschauers von eben diesen gereinigt.
Aber dieser Gedanke ist in den letzten Jahrzehnten ziemlich eindeutig durch psychologische Experimente widerlegt worden. Durch den Konsum von Gewaltdarstellungen wird das eigene Aggressionspotential nicht geringer. Das Gegenteil wird sogar vermutet.
Ich bin an dieser Stelle unschlüssig, wie es sich mit der Bibel verhält.
Es gibt die sogenannte Rachepsalmen.
38 Ich will meinen Feinden nachjagen und sie ergreifen und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe.
39 Ich will sie zerschmettern, daß sie nicht mehr aufstehen können; sie müssen unter meine Füße fallen.
43 Ich will sie zerstoßen zu Staub vor dem Winde, ich werfe sie weg wie Unrat auf die Gassen.
So heißt es in Psalm 18. Gilt da auch, was die Psychologen erforscht haben, dass solche Texte die eigene Aggression und Gewaltphantasie eben nicht vermindert sondern verstärkt?
Der 18. Psalm ist nicht der einzige Psalm, mit solchen Gewaltphantasien.
Und aus ganz eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Diese Worte können guttun.
Doch damit aus diesen Worten nicht die Umsetzung folgt gilt es noch einen Bibeltext zu berücksichtigen:
Mein ist die Rache, spricht der Herr!
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben,
sondern gebt Raum dem Zorn Gottes (Römer 12,19).
Damit frisst man seine Wut nicht in sich hinein bis man platzt und setzt sich doch selbst den Riegel vor, diese Wut auszuleben. Das kann man dann Gott überlassen und der wird schon wissen, ob mein Rachewunsch legitim ist oder nicht.
Vielleicht mag das ein Weg sein, seine Gefühle nicht zu verleugnen., sie aussprechen zu können und dann nicht umsetzen zu müssen
Paulus geht direkt weiter: „Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, schreibt er an die Römer.
Doch auch der Apostel ist nicht ganz frei von Aggressionen, denn er gibt im Anschluss noch folgenden Tipp
20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«.
Und das Bild der feurigen Kohlen auf dem Kopf könnte man dann ja doch wieder bei Tarantino verorten.
Nein, auch die Heilige Schrift kennt Gewalt und beschreibt Gewalt im Detail. Und längst nicht bei allen Momenten wird diese Gewalt verurteilt.
Die Heilige Schrift steht in ihren Beschreibungen hinter dem Filmemacher Tarantino nicht zurück. Gedärme die aus dem Leib auf den Boden fallen, Schwangere, denen der Bauch aufgeschlitzt wird, Köpfe die mit einem Stein eingeschlagen werden. Zeltpflöcke die durch den Schädel gerammt werden. All das steht in der Bibel
Und irgendwie dazwischen, fast wie ein Fremdkörper, sind Worte Jesu. So ganz anders.
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
2 Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr meßt, wird euch zugemessen werden.
12 Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!
Doch das Schicksal, dass Jesus dann erwartet ist die Kreuzigung.
Doch dort wird die Gewalt benannt jedoch nicht so explizit beschrieben.
Ich bin in meinem Filmgeschmack nicht besonders zart besaitet, aber der erste Film, bei dem mir die Gewaltdarstellung zuviel wurde, war „die Passion Christi“ von Mel Gibson.
Gibson war der Meinung, dass die Ernsthaftigkeit des Opfertodes unseres Heilandes nie in aller Tiefe gezeigt wurde. Und wenn im Matthäusevangelium die Worte stehen: Pilatus ließ Jesus geißeln, dann zeigt Gibson das ausführlich minutenlang, wie im Blutrausch.
Es war mir zuviel. Ich habe den Film ausgeschaltet und nie zu Ende gesehen.
Im Fach Kirchengeschichte wurde ich geprüft über das Thema „Die Christenverfolgung in den ersten drei Jahrhunderten“
Und dafür musste ich die Märtyrerakten übersetzen. Nicht nur lesen, sondern Wort für Wort und Satz für Satz ganz langsam aus dem Griechischen oder dem Lateinischen ins Deutsche übertragen.
Ich habe ihnen Ausschnitte in der Lesung vorgetragen.
Auch dort ein Schwelgen in Gewalt. Und immer wieder die Betonung, dies sei der sicherste Weg in den Himmel zu kommen. Das Leiden wird regelrecht verherrlicht und nicht minder präzise beschrieben wie Tarantino es in seinen Filmen bildlich darstellt.
Liebe Gemeinde, Gewalt scheint überall zu sein. Und auch das Bedürfnis, sich Gewalt anzuschauen, scheint menschlich zu sein.
Ob bei Tarantino oder in der Bibel, bei Grimms Märchen oder im Tatort. Ohne Gewalt scheint es kaum zu gehen.
Und was lernen wir daraus?
Anscheinend garnichts. Denn die Welt ist immer noch voll Gewalt. Und unsere kulturellen Darstellungen sind voll Gewalt.
Und was sollten wir daraus lernen? Vielleicht nur, dass es vielleicht nicht ganz so viel Gewalt braucht. Und wenn wir beim Geschichtenerzählen nicht ganz auf Gewalt verzichten können, dann wäre es vielleicht ja möglich, sich selbst ein paar Grenzen zu setzen. Manchmal reicht es ja Blut fließen zu lassen und nicht gleich Sturzbäche.
Und ich will auch nicht der Verbotspfaffe sein, der mir erhobenen Zeigefinger alles verteufelt, aber vielleicht kann man sich ja fragen, was von einem Film übrig bleibt, wenn man die Gewalt weglassen würde.
Und letztens ist vielleicht die Frage angebracht, wie mein eigenes Leben aussehen würde, wenn ich versuche, meine eigenen gewalttätigen Anteile zu reduzieren.
Das wäre ein Schritt hin zum Reich Gottes.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus Amen
Lesung
Die Bibel ist voll von Gewalt. Der erste Mord nach 3 Kapiteln. Der erste Krieg nach 14 Kapiteln
Rachepsalme voller Gewaltphantasien.
Und dann gibt es die Akten der Märtyrer aus den ersten drei Jahrhunderten. Frühchristliche Literatur. Und die lesen sich fast wie ein Drehbuch von Quentin Tarantino.
Aus dem Martyrium des Polykarp;
Endlich merkten die Heidenmenschen, daß Polykarps Leib nicht von den Flammen verzehrt werden könne. Darum erging der Befehl, ein Henker solle vor ihn hintreten und ihm einen Dolch in die Brust stoßen.
Der Befehl wurde sofort ausgeführt. Und siehe, ein solcher Strom von Blut quoll aus der Wunde, daß der Scheiterhaufen erlosch. Da raunte ein Staunen durch die ganze Volksmenge:
Oder aber auch
Aus den Akten der persischen Märtyrer
Da verurteilte sie der König zu verschiedenen Todesarten. Er befahl, den Ma’nâ zu schinden vom Kopf bis zu den Hüften und dieser starb, als es geschah. Dann befahl er, eiserne Nägel im Feuer glühend zu machen und dem Abraham in beide Augen zu stoßen und nach zwei Tagen starb er. Dann befahl er, eine Grube zu graben und den Simon bis zur Brust einzugraben. Und er ließ Bogenschützen mit Pfeilen nach ihm schießen und er starb. Es kamen christliche Brüder, stahlen ihre Leichen und begruben sie heimlich..
Da bestellte der Richter ungefähr dreitausend rohe, grausame Magier, welche die Heiligen teils mit dem Schwerte löteten, teils dem Feuerbrand überlieferten; teils wurden sie zersägt, teils gesteinigt, teils tat man ihnen Essig und Senf in Mund, Augen und Nase, bis sie starben. Kurz, durch verschiedene Todesarten und Qualen trennten sie die Herrlichen von dieser Welt, daß sie hinübergingen an ihren Ort und zu ihrem Erbe kamen, das Licht, Leben und Friede ist.
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Kulturgottesdienste
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