Wie gehen wir mit der Natur um? Diese Frage stellte 1983 der amerikanische Regisseur Godfrey Reggio mit seinem Film Koyaanisqatsi. In eindrucksvollen Bildern und ganz ohne Sprache zeigt er schier unglaubliche Naturaufnahmen und stellt diesen Bildern von menschlichen Eingriffen in die Natur gegenüber.
Der Filmtitel Koyaanisqatsi hat er der Sprache der Hopi, einem Stamm der nordamerikanischen Ureinwohner, entnommen und bedeutet übersetzt so viel wie „Leben im Ungleichgewicht“. Der Titel ist die einzige Wertung, die der Filmemacher vornimmt und er überlässt es im Weiteren dem Zuschauer sich selbst ein Bild zu machen.
Die Kulturgottesdienste zeigen den Film im Anschluss an einen Gottesdienst zu 40 Jahre Tschernobyl
Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam's hervor wie Menschenhand;
Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.
Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.
Mit diesen Worten dichtet Heinrich Heine die biblische Geschichte aus dem Buch Daniel. Belsazar, dem König von Babylon wird von Gott eine Botschaft geschickt. Mit flammenden Buchstaben steht es an der Wand: Mene Mene Tekel uparsim. Groß und hell stehen die Worte da. Der ganze Saal gleißt im Licht dieser Lettern. Und niemand, der König nicht und auch seine Ratgeber nicht, niemand vermag diese Worte zu verstehen, die doch so deutlich an der Wand stehen.
Oder wollen sie die nicht verstehen?
Vielleicht ist es viel eher so, dass sich keiner traute, dem König die Wahrheit zu sagen. Das keiner die Stirn besitzt, dem König das zu sagen, was diese Botschaft Gottes besagt.
Denn sie alle wissen: Der Zorn des Königs über eine schlechte Botschaft wird am Boten ausgelassen.
Daniel wird gerufen, der Ausländer, damit er dem König die Nachricht übersetzt. Mene mene tekel uparsim, so übersetzt Daniel dem König, das heißt: Du, dein Reich und deine Taten sind von Gott gewogen und für zu leicht befunden worden. darum wird Gott deine Herrschaft beenden und dein Reich zerteilen unter die Meder und die Perser geben.
Was nun geschieht, davon wird nur selten in der Bibel berichtet. Belsazar scheint sich die Schrift an der Wand zu Herzen zu nehmen. Nicht der Bote wird bestraft, sondern er nimmt die Botschaft für sich an. Belsazar, so scheint es, will sich ändern um der drohenden Gefahr zu entgehen. Als Dank für die Wahrheit und die Warnung gibt er Daniel hohe Ehren. Ein Happy End. Wenn es denn das Ende der Geschichte wäre.
Doch die Geschichte von Belazar und der flammenden Warnung an der Wand hat noch einen letzten Akt:
Aber in derselben Nacht, so berichtet es das Buch des Propheten Daniel, Aber in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.
Der Dichter Heinrich Heine formuliert diesen letzten Satz der Belsazar-Geschichte so:
Von seinen Knechten umgebracht.
Da die Bibel den oder die Täter nicht benennt und auch den Tod Belsazars nicht als eine Strafe Gottes bezeichnet, möchte ich der Interpretation von Heinrich Heine folgen.
Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.
Eine Änderung schien nicht erwünscht im Lande Babylon. Ein Land wird nicht nur von einem König, sondern auch von seinen Beratern, des Königs Knechten geführt. Änderungen sind nicht erwünscht, selbst wenn sie vom König selbst kommen sollten. Die Schrift an der Wand verblasst. Nicht ungelesen, doch ohne Wirkung. Die Weltmacht Babylon wandelt sich nicht und geht so bald darauf unter, wird hinweggefegt von den aufstrebenden Großmächten der Meder und der Perser.
Und wieder einmal ist die Warnung nutzlos geblieben. Wieder einmal wurde die Warnung gehört. Und wieder einmal wurde nicht auf die Warnung gehört. Wieder einmal wurde alles darangesetzt, bis zum Mord, damit die Warnung nicht verbreitet wird.
2525 Jahr nach dieser Nacht im Thronsaal von Babel zeigt der Regisseur Godfrey Reggio zum erstenmal seinen Film Koaanisqatsi – Life out of balance in den Kinos. Über sieben Jahre lang hat er Aufnahmen dafür gemacht, ist durch die Welt gereist nach Schauplätzen ungeahnter Naturschönheit, hat Archive durchforstet und dabei Unterstützer für sein Filmprojekt gefunden, vom Theologen Ivan Illich bis hin zu Hollywoodgrößen wie Francis Ford Coppola und George Lucas.
Der rote Vorhang des Kinos weht zur Seite und das Licht des Projektors zaubert Bilder unberührter Natur auf die Leinwand. Endlose Weiten der Wüste, das immerwährende Spiel der Wolken und des Wassers das sich doch niemals gleich wiederholt. Flüsse die im Laufe der Jahrtausende bizarre Formationen in die Erde gefräst haben. Bilder von der Schönheit und Vielfalt Gottes Schöpfung.
Die Bilder beginnen sich zu wandeln. Gigantische Industrieanlagen zerschneiden die Natur, Felsen, die abzutragen ein Flusslauf viele Menschenalter gebraucht hätte verschwinden in in Sekundenschnelle durch große Explosionen. Der Mensch greift in das Panorama der Naturschönheit ein. Die Szene steigert sich bis zum monströsen Pilz eines Atombombentests.
Schnitt. Reggio beginnt neu. Nun mit Szenen aus einer Großstadt. Die Transformation der Natur ist abgeschlossen und die Bilder die nun folgen zeigen das Leben in der allein vom Menschen kreierten Welt. Imposant in der Großaufnahme einer Megacity, bedrückend und verstörend in der Nahaufnahme.
Koyaanisqatsi – ein Wort aus der Sprache der Hopi-Indianer. „Leben im Ungleichgewicht“ ist eine mögliche Übersetzung dieses Wortes. Nur dieses eine Wort kommt im Film vor. Kein weiterer Kommentar ist unterlegt - nur dieses eine Wort, gesungen im tiefen Bass der Filmmusik. Kein Kommentar, nur Bilder, die zeigen, was der Filmtitel verspricht: Das Leben im Ungleichgewicht.
Mit seinen Mitteln der filmischen Ästhetik schreibt Godfry Reggio die Schrift an die Wand. Nicht mit Flammenbuchstaben sondern mit Licht durch Zelluloid. Und auch seine Art der Schrift bringt das Licht einer Erkenntnis in das Dunkel des Kinosaals. Unser Leben ist im Ungleichgewicht steht dort auf der Leinwand. Mit Buchstaben die jeder lesen kann. Es braucht keinen Propheten Daniel der diese Buchstaben übersetzt. Die Kameralinse zeigt uns die Waagschale auf der unsere menschliche Zivilisation gewogen wird und jeder im weichen Sessel des Kino kann sehen: Es wird für zu leicht, zu leichtfertig befunden. Mene mene Tekel uparsim.
Die Zuschauer sitzen im vollklimatisiertem Kino in weichen Sesseln, vielleicht eine Tüte Popcorn auf dem Schoß und nicken.
„Ist schon schlimm was wir aus dieser Welt machen“.
Und sie gehen nach Hause und am nächsten Tag leben sie ihr Leben wie bisher. Leben im Ungleichgewicht.
Godfrey Reggio ist mit seinem Film gescheitert. Seine Botschaft wird gehört. Aber es wird nicht auf sie gehört. Ihm geht es nicht anders als all den biblischen Propheten und Mahnern, von Amos aus Tekoa bis Johannes dem Täufer.
Anders als bei diesen muss der Urheber des Filmes nicht des Landes verwiesen werden und auch sein Kopf darf auf seinen Schultern bleiben.
Reggio hat mit seinem Film keinen Unmut erzeugt. Es fühlte sich niemand angesprochen. „Ist schon schlimm wie wir Menschen leben…“. Anders als die Propheten der biblischen Überlieferung bleibt dieser Film bei der ästhetischen Zurschaustellung der Missstände. Die Propheten haben Namen genannt. Sie haben den Menschen ins Gesicht gesehen und unmissverständlich klar gemacht wer gemeint ist mit ihren Warnungen und Anklagen.
Die biblischen Propheten wussten alle, dass sie mit ihrer klar adressierten Botschaften den Zorn der betreffenden auf sich ziehen werden. Und auch deshalb gibt es von fast ausnahmslos allen Propheten den Bericht, dass sie sich zunächst geweigert haben diese von Gott gestellte Aufgabe zu übernehmen.
Das unterscheidet die Botschaft der Propheten von der Botschaft der Filmästhetik Godfrey Reggios.
Gemeinsam teilen sie aber das Schicksal, dass nicht auf sie gehört wird.
„Muss erst was passieren“ war eine stehende Drohformel eines Lehrers aus meiner Schulzeit. Im Klassenzimmer hat diese Drohung Wirkung gezeigt. Für eine kurze Zeit zumindest. Spätestens in der nächsten Stunde haben wir Schüler wieder genug Anlass gegeben für eine Wiederholung der Drohung.
Muss erst was passieren.
Dann ist was passiert. Genau das, wovor jahrzehntelang gewarnt wurde. Ein Reaktorunfall. Austretende Radioktivität. Die Verstrahlung eines ganzen Landstriches. Und die Gefahr für Mensch und Umwelt wurde mit dem Wind übert halb Europa getragen.
Aber geschehen ist damals nichts. War ja auch weit weg in der Sowjetunion. Hinter dem eisernen Vorhang. Und unsere Technik ist doch – im Gegensatz zu der russischen – viel sicherer.
Und nichts wurde getan.
Muss erst was passieren? Anscheinend musste es zweimal passieren. Anscheinend brauchten wir noch Fukushima bis wir die Argumente der Warner und Mahner ernst nehmen.
In der Rückschau waren diese beiden Reaktorunfälle nicht mehr als strahlende Buchstaben an der Wand. Eine Botschaft die gehört wurde und auf die nicht gehört wurde.
Was braucht es noch? Filme wie Koyaanisqatsi waren wirkungslos in ihrer ästhetischen Zurschaustellung des Ungleichgewichtes. Die Ökobewegung, Der Widerstand gegen die Castorbehälter im Wendtland, Demonstrationen in Brockdorff und sonst wo: im Großen und Ganzen wirkungslos. Die Erfahrungen von Harrisburg und Tschernobyl: Wirkungslos.
Dass 2011 dann die sogar die CDU für den Ausstieg aus der Atomenergie war, lag nicht an der Erkenntnis, dass wir so nicht mit der Natur umgehen dürfen. Es war damals nur klar, dass man keine Wahlen gewinnen würde, wenn man nach Fukushima noch für Atomkraft war.
Docvh in den ersten Wochen nach Fukushima mussten wir noch oft von angeblichen Experten hören, dass Atomkraftwerke sicher sind. Es wurde ein Spiel auf Zeit mit uns gespielt in der Hoffnung ein dreimonatiges Moratorium reiche aus, damit Vergesslichkeit und Bequemlichkeit von uns Menschen dafür sorgen, das die Schrift an der Wand verblasst.
Die Bibel berichtet von den Botschaften und Geschicken von Dutzenden von Propheten. Gescheitert sind sie fast alle. Und fast immer wurde alles darangesetzt, ihre Botschaft verstummen zu lassen und der Vergessenheit anheim fallen zu lassen.
Aber die Schrift an der Wand wurde immer wieder neu geschrieben. Am Hof in Babylon, in den Palästen von Jerusalem, an den Tempelmauern in Bethel an den Häusern der einfachen Menschen. Wieder und wieder hat Gott Propheten beauftragt die Buchstaben nachzuzeichnen.
Und wieder und wieder haben wir Menschen die Chance, auf diese Botschaften zu hören.
Hören wir auf die Schrift an der Wand. Auch wenn jetzt keine Buchstaben der hebräischen Quadratschrift stehen, sondern wir erst kyrillische und dann japanische Schriftzeichen lesen mussten. Auch wenn dann nicht Mene mene Tekel uparsim an der Wand glüht sondern die Wörter Fokushima und Tschernobyl.
So nebenbei. Wann haben sie das letzte Mal etwas vom Klimawandel in der Presse lesen können? Die feurige Schrift, deren ersten Buchstaben Greta Thunberg an die Wand schrieb, ist nicht mehr zu lesen. Statt dessen fördert unsere Regierung wieder verstärkt fossile Energieträger und anstelle in der jetzigen Energiekrise auf grüne Energie zu setzen, wird alles getan, damit die großen Energiefirmen ihren Gewinn maximieren können.
Unsere Welt ist im Ungleichgewicht. Und wir alle lassen es zu. Ein Kanzler, der in der jetzigen Lage Umweltschutz ausschließlich im Rahmen des für die Wirtschaft ungefährlichen, zulässt.
Eine Presse, die die Befürworter der Umweltzerstörung als Experten bezeichnet und die mahnenden Stimmen als linke Aktivisten diskreditiert.
Und eine Bevölkerung, die es anscheinend aufgegeben hat, irgendetwas verändern zu können.
Eine Bevölkerung, die wir selbst sind.
Siehst du die Schrift an der Wand?
Oder muss erst die ganze Welt in Flammen stehen?
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen
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