Angekreuzt und aussortiert

Raus aus der Kirche. Irgendwie haben wir irendwann damit angefangen. Kulturgottesdienste nicht nur in der Kirche zu halten, sondern überall dort, wo man uns einlädt. Wir sind dann Gast und nicht Veranstalter.

Als uns die "Initiative offene Samtgemeinde Hoya" fragte, ob wir uns an der Gerstaltung des Holocaust-GEdenktages beteiligen wollten, haben wir sofort zugesagt und gemeinsam mit der Initiative den Kulturteil gestaltet. Eine szenische Lesung zur Aktion T4 - der Vernichtung unwerten Lebens in der Nazizeit.

 

 

 

 

Predigt

 

 

Was ist der Mensch,

 

dass du seiner gedenkst,

 

und des Menschen Kind,

 

dass du dich seiner annimmst?

 

 

 

Mit dieser Frage aus dem 8. Psalm begrüße ich Sie und euch zum Abschluss unseres Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus.

 

 

 

Haben sie eine Antwort darauf? Was der Mensch ist?

 

 

 

Sie werden gleich eine szenische Lesung von Martina Olbrich hören mit dem Titel „Angekreuzt und Aussortiert“  - zur sogenannten „Aktion T4“ der Nazis, der Vernichtung sogenanntem lebensunwerten Lebens.

 

70.000 Menschen kostete dieser Wahn allein in den Jahren 1940 und ´41 das Leben.

 

 

 

Was ist der Mensch?

 

Gerne würde ich Ihnen eine Antwort darauf geben. Mit kaum einer anderen Frage habe ich mich im Studium mehr auseinandergesetzt.

 

Und - je nachdem, wie man es sehen will  - habe ich keine Antwort darauf gefunden. Oder aber: Ich habe ganz viele Antworten gefunden.

 

Doch keine dieser Antworten schließt die Frage gänzlich.

 

 

 

 

 

Aus jeder möglichen Fachrichtung habe ich diese Frage gestellt. Aus juristischer, biologischer, soziologischer Sicht. Aus der Warte der Medizin, der Literatur und natürlich – ich habe ja Theologie studiert - aus Sicht der Theologie.

 

Keine Antwort hat jeden Aspekt abdecken können.

 

 

 

Am Ende, blieb für mich die Theologie am sinnvollsten. Weil der Glaube das Sein und die Würde des Menschen nicht aus sich selbst heraus definiert.

 

Sondern aus einem unverfügbaren Gott heraus:

 

 

 

Der Mensch ist ein Mensch,

 

weil Gott ihn als Menschen geschaffen hat.

 

 

 

Und damit ist Gott auch der einzige, der die Frage, Was der Mensch ist, wirklich kompetent beantworten kann.

 

 

 

Ich behaupte das einfach.

 

Weil es das ist, was ich aus uralten religiösen Schriften meine, herauslesen zu können.

 

Keinen Beweis hab ich dafür, dass es so wirklich ist.

 

Und so richtig verstehen, was damit konkret gemeint ist, kann man den Menschen mit dieser Definition auch nicht.

 

 

 

Ich kann ihnen aber das Besondere an der theologischen Definition benennen.

 

Nicht ich, nicht ein anderer Mensch, bestimmt, was der Mensch ist, sondern Gott alleine.

 

Und damit kann kein Mensch einem anderen Menschen das Menschsein absprechen.

 

Und der Wert eines Menschen liegt außerhalb seiner selbst und ist damit frei von Kategorien wie wirtschaftlicher Verwertbarkeit, Rasse oder Nation.

 

 

 

Was ist der Mensch?

 

Die Antwort ist lächerlich einfach

 

Er ist ein geliebtes Geschöpf unseres Gottes.

 

Wieder so ein Satz der nicht unbedingt etwas deutlich ausdrückt, sondern vor allem falsche Antworten verhindert. Und falsche Antwortende.

 

 

 

Denn in dem Moment, in dem ein Mensch meint, definieren zu können, wer Wert hat und wer nicht, wer noch als Mensch gelten darf und wer nicht mehr…

 

…in dem Moment, in dem Kategorien wie Kosten oder Verwertbarkeit überhaupt gedacht werden, bei der Frage was der Mensch denn sei … in dem Moment verlieren wir ein Stück unserer Menschlichkeit.

 

 

 

Ich möchte ihnen ein Rätsel stellen. Ein ganz einfaches.  Ich werde ihnen gleich zwei Zitate vorlesen. Sie müssen mir nur sagen, welches aus dem Jahr 1929 und von Adolf Hitler stammt und welches aus dem Jahr 2024 und vom AfD-Hetzer Björn Höcke.

 

 

 

Fangen wir an. Das Erste:

 

 

 

"Wir werden auch ohne Probleme

 

mit 20, 30 Prozent weniger Menschen in Deutschland leben können,

 

das halte ich für ökologisch sogar sinnvoll."

 

 

 

Und das Zweite:

 

 

 

„Die Beseitigung von 700.000 bis 800.000

 

der Schwächsten von einer Million Neugeborenen jährlich,

 

bedeutet eine Kräftesteigerung der Nation

 

und keinesfalls eine Schwächung“

 

 

 

Liebe Gemeinde, die Antwort wer von beiden was gesagt hat, ist völlig egal. Denn Hitler wie Höcke sagen das Gleiche. Lediglich in verschiedenen Formulierungen.

 

 

 

Beide maßen sich an, bestimmen zu dürfen, wer leben darf und wer nicht. Wer als Mensch gelten kann und wer nicht.

 

 

 

was ist der Mensch,

 

dass du seiner gedenkst,

 

und des Menschen Kind,

 

dass du dich seiner annimmst?

 

 

 

Lassen sie sich diesen Satz noch einmal auf der Zunge zergehen. Eigentlich ist diesem Psalmwort völlig egal, was der Mensch ist. Das entscheidende ist, dass Gott sich uns Menschen annimmt, dass er unser gedenkt.

 

 

 

 Falls sie heute vor allem als politisch denkender Mensch zu einer Gedenkveranstaltung gekommen sind und mit dem christlichen Glauben eher wenig zu tun haben sollten, möchte ich es ihnen noch einmal anders formulieren:

 

Wenn sich ein Mensch anmaßest, zu bestimmen, wer Mensch ist und wer nicht, dann geht es schief und wird mörderisch. Um das zu erkennen braucht es keine Heilige Schrift. Geschichtsunterricht reicht völlig aus.

 

 

 

Wie die Anfänge von solcher Menschenverachtung aussieht, das können sie sich live in den Vereinigten Staaten ansehen. Exekutionen auf offener Straße.

 

 

 

Und auch in der deutschen Politik, selbst in einer eigentlich bürgerlichen Partei sind solche Sätze zu hören, dass man darüber nachdenken müsse, welche Behandlungen, bei welchem Alter noch von den Krankenkassen finanziert werden sollten.

 

 

 

Das ist noch keine Aufforderung zu einer Vernichtung lebensunwerten Lebens. Aber solche Gedanken laut auszusprechen, sind der erste Schritt in Richtung Gaskammer.

 

Ich bitte sie eindringlich, achten Sie in der Partei, der sie selbst nahestehen, darauf, ob dort von Verwertbarkeit oder fehlendem volkswirtschaftlichen Nutzen gesprochen wird. Das Gift der Faschisten ist auch bis in die bürgerlichen Parteien eingetröpfelt. Und ich bitte sie von Herzen: Wehret den Anfängen.

 

 

 

Erinnern Sie in ihren Ortsvereinen daran, dass wir die Lehren aus der Nazizeit zu vergessen scheinen. Und fordern sie die Ortsvereine dazu auf, Einfluss auch auf die nächsthöheren Ebenen zu nehmen.

 

Ich möchte Sie daran erinnern, dass Hitler niemals eine absolute Mehrheit hatte, sondern nur mithilfe von Koalitionspartnern an die Macht gekommen ist.

 

 

 

Es ist schon zu spät, als dass wir uns zurücklehnen könnten und darauf vertrauen, dass da schon irgendwer anders tätig wird. Jeder von uns trägt die Verantwortung dafür. Jeder einzelne und niemand wird sagen können, wir hätten es nicht gewusst.

 

 

 

Was ist der Mensch?

 

Liebe Gemeinde,

 

was der Mensch ist, ist mit völlig egal. Aber seien sie einer“

 

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Jesus Christus.

 

Amen