In der Zeit der Kontakt- und Ausgehbeschränkungen bieten wir einen regelmäßigen Rundbrief an.

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(Selbstverständlich können Sie sich bei Nichtgefallen jederzeit unkompliziert aus der Liste wieder austragen)


Zweiter Brief in die Quarantäne

Liebe Leser,
Sind schon alle Bücher und CDs in den Regalen neusortiert? Die Schränke schon zum zweiten Mal abgestaubt? Oder wie auch immer sie die Zeit bislang rumgebracht haben?
Und jetzt? Die Kulturgottesdienste sind mal gestartet unter der Prämisse, dass der Mensch immer auf der Suche nach Sinn ist (auch wenn dieser mittlerweile immer mehr außerhalb der Religion gesucht wird). Und jetzt sitzen unzählige Menschen zu Hause und wissen nicht, wie sie ihre Zeit sinnvoll verbringen sollen. Irgendwann ist halt auch die letzte Ecke staubfrei. Und jetzt?
Jetzt geht man sich auf die Nerven. Vielleicht nicht jeder, vielleicht nicht dauernd, aber die Zeit eingesperrt auf engerem Raum mit den immer gleichen Menschen, macht etwas mit uns Menschen. Die Sozialpsychologischen Dienste warnen vor vermehrter häuslicher Gewalt.
Und mal Hand auf´s Herz: Wieviel von uns haben in den vergangenen Tagen nicht auch Aggressionen in sich gespürt.
Für die Opfer von häuslicher Gewalt gibt es Notruftelefonnummern (die unten aufgeführt sind). Aber für die Täter, die das nicht sein wollen? Wo finden sie Rat und Hilfe, damit es gar nicht erst zum Ausbruch kommt?
Ich habe das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ um Rat gefragt und auch ihnen ist keine spezialisierte Anlaufstelle oder telefonische Beratungsstelle für potentielle Täter und Täterinnen, die das nicht sein wollen, bekannt. Aber sprechen muss man, damit man nicht explodiert. Mit irgendwem wenigstens.
Greifen Sie zum Telefon. Auch wenn die Überwindung der eigenen Scham ein schwerer Schritt ist. Und welche Nummer? Das müssen Sie selbst wissen. Vielleicht ist es ein Freund oder eine Freundin, der sie sich anvertrauen können oder jemand aus der Familie. Oder aber jemand, bei dem Sie anonym bleiben können. Ihren Ortspastor oder auch irgendeinen Pastoren können Sie anrufen und auch die Telefonseelsorge (Nummer unten).
Und noch etwas. Wenn man den Blick auf sich selbst richtet, sieht man sich eher als Opfer, denn als Täter. Gewalt hat viele Facetten und nicht jede dieser Formen ist mit blauen Flecken belegbar. Worte, Taten und Unterlassung können genauso gewalttätig sein wie Fäuste. Seien sie wachsam, sich selbst gegenüber.
Und eine Entschuldigung hilft Ihnen selbst und auch ihrem Nächsten. Und wenn der vielleicht auch nicht die Auswirkungen der Quarantäne auf Sie nachvollziehen kann, so zumindest, dass diese Quarantäne etwas Belastendes ist. Damit wir nicht durch unsere eigene Überforderung mit der Situation einen anderen zum Täter machen.
Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass meine Zeilen gänzlich überflüssig waren und sie einen guten Weg finden durch diese Zeit. Wenn diese Zeilen nicht überflüssig waren, tun sie das Ihre, damit eine Situation nicht eskaliert.
 
Falls sie noch nicht wissen, was Sie heute Abend tun sollen: Die Predigt im Anschluss an die Telefonliste mit den Notfallnummern ist über den Film HULK (der über die meisten Streamingdienste zu empfangen ist) und den 18. Psalm. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend vor der Glotze.

Mit lieben Gruß aus Landesbergen,
Ihr Florian Schwarz
 
 
 
 

Telefonseelsorge                                            0800 1110111 oder 08001110222
Kinder- und Jugend-Kummertelefon          116 111 oder 0800 1110333
Eltern-Kummertelefon                                   0800 1110550
Hilfeportal für sexualisierter Missbrauch  08002255530
Gewalt gegen Frauen                                      08000116016 oder 0306110300
Muslimische Seelsorge                                  030443509821
Suchthilfe                                                          01805313031
Hilfetelefon Rituelle Gewalt                           08003050750
Hotline Kinderschutz                                       030610066
Kindernotdienst (0-13 Jahre)                        030610061
Jugendnotdienst (14-18 Jahre)                    030610062
Mädchennotdienst (12.21 Jahre)                 030610063
Bereitschaftsdienst für ärztliche Hilfe        116117
Weißer Ring                                                      116006
Anonyme Alkoholiker                                     087313257312
Sucht und Drogenhotline                               01805313031
Seniorentelefon                                               08004708090
Hilfetelefon Schwangere in Not                   08004040020
Wildwasser Mädchennotdienst                    03021003990
Wildwasser, Beratung für Frauen                 0306939192

 
 
 
Predigt
 

Der Herr ist meine Zuversicht
Herzlich lieb hab ich dich, Herr, meine Stärke!
Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter;
mein Gott, mein Hort, auf den ich traue,
mein Schild und Berg meines Heils und mein Schutz!
Ich rufe an den Herrn, den Hochgelobten,
so werde ich vor meinen Feinden errettet.
Es umfingen mich des Todes Bande,
und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
Des Totenreichs Bande umfingen mich,
und des Todes Stricke überwältigten mich.
Als mir angst war, rief ich den Herrn an
und schrie zu meinem Gott.
Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel,
und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.
Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich
und zog mich aus großen Wassern.
Der Herr ward meine Zuversicht.
Er führte mich hinaus ins Weite,
er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.
Der Herr lebt! Gelobt sei mein Fels!
Der Gott meines Heils sei hoch erhoben.
Darum will ich dir danken, Herr, unter den Heiden
und deinem Namen lobsingen.

Psalm 18 nach dem Evangelischen Gesangbuch (NR. 707)



Liebe Gemeinde,

Zwei mal Drei macht Vier
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune !!
Ich mach' mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt ....
 
Das Lied von Pippi Langstrumpf.
Ich mach' mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt ....
 
Das macht nicht nur Pippi Langstrumpf so. Den Trick beherrschen alle Menschen. Allerdings macht Pippi das besser als die meisten Menschen. Denn Pippi verändert die Welt dahingehend, dass sie ihr gefällt. Die meisten Menschen blenden nur das aus, was ihnen nicht gefällt. Was sie nicht sehen wollen, das gibt es einfach nicht mehr für sie. Fast wie beim Versteckenspielen von ganz kleinen Kindern, die sich die Augen zuhalten und glauben, dass wenn sie nichts sehen, sie auch nicht gesehen werden können.
Unsere Gehirne vollbringen da wahre Meisterleistungen. Ich habe mal eine Frau kennengelernt, die es geschafft hat ihre eigene Schwangerschaft zu ignorieren, bis ein Arzt ihr mitgeteilt hat, er erwarte sie in zwei Wochen zur Entbindung. Sie wollte das einfach nicht sehen. Also hat sie es nicht gesehen.
Ich habe Eltern kennengelernt, die ihre Augen so sehr davor verschlossen haben, dass ihr Kind Drogen nimmt, dass sie alle Anzeichen schlicht und einfach nicht wahrgenommen haben und es auch dann noch für absolut unmöglich hielten, dass ihr Kind so etwas tut, als man sie mit der Nase darauf stieß.
Das menschliche Gehirn ist ein ziemlich seltsames Organ mit erstaunlichen Fähigkeiten.
Es ist spannend, zu schauen, welch blinde Flecken ein Mensch hat und es macht im Umgang mit Menschen vieles leichter, wenn man weiß, wer welchen blinden Fleck hat.
In der Psychologie ist das Aufdecken der eigenen blinden Flecken eine der großen Aufgaben. Das zu entdecken, was vielleicht ganz offensichtlich ist, vor dem man selbst aber die Augen verschließt.
Das funktioniert nicht nur mit einzelnen Menschen, sondern auch mit Gruppen und Organisationen.
Wir haben vorhin den 1. Psalm gemeinsam gesprochen. Die Nummer 707 im Gesangbuch. Die Überschrift lautete da: Der Herr ist meine Zuversicht.
Erinnern sie sich an diese Zeilen aus dem 18. Psalm?:
37 Ich will meinen Feinden nachjagen und sie ergreifen, und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe.
38 Ich will sie zerschmettern; sie sollen mir nicht widerstehen und müssen unter meine Füße fallen.
41 Sie rufen-aber da ist kein Helfer-zum HERRN; aber er antwortet ihnen nicht.
42 Ich will sie zerstoßen wie Staub vor dem Winde; ich will sie wegräumen wie den Kot auf der Gasse.
gelobt sei mein Gott, der mir Rache gibt.
 
An diese Zeilen erinnern sie sich nicht? Das ist aber seltsam? Denn sie stehen alle im 18. Psalm. Warum erinnert sie sich denn nicht daran? Wir haben diesen Psalm vor nicht einmal 15 Minuten gemeinsam gesprochen?
Niemand?
 
Diese Worte voller Wut und Aggressionen stehen im 18. Psalm.
Aber nicht im Gesangbuch. Denn die Psalmen im Gesangbuch sind gekürzt.
Denn so sind wir Christen doch nicht. Wir haben uns doch alle lieb. Wir sind friedfertig und wir verzeihen anstatt uns zu rächen. Und da diese Zeilen aus dem 18. Psalm nicht in dieses Bild passen, werden sie im Gesangbuch einfach weggelassen: Ich mach mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt.
Von Wut und Aggression ist kein Mensch frei. Jeder von uns hat Wut in sich. Manch tief in seinem Inneren bei anderen direkt unter der Oberfläche. Vor dieser Seite seines Wesens die Augen zu verschließen ist fatal. Denn das funktioniert nicht. Wie bei der Frau, die ihre eigene Schwangerschaft übersehen hat und  am Schluss wurde doch ein Kind geboren, so ist es auch mit der eigenen Wut. Irgendwann kommt sie raus. Und je länger und je stärker ich versuche die zu unterdrücken, desto explosiver wird der Ausbruch.  
 
Ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen und mein ganzes Leben lang konnte ich das beobachten. Es gibt keinen Streit und keine Konflikte in der Kirche - bis es zum Ausbruch kommt. Und dann knallt es. Hätte man sich der Wut und der Aggression gestellt zum richtigen Zeitpunkt, dann wäre eine Lösung möglich gewesen – aber dieser Zeitpunkt wird immer wieder verpasst, denn Aggressionen und Wut gibt es ja nicht.
 
Bis es zu spät ist und die Wut und Aggression unkontrollierbar zu Tage tritt.
Dabei gibt es in der Bibel genug Texte, aus denen man das lernen könnte. Das Vorhandensein der eigenen dunklen Seiten zu akzeptieren und einen Umgang damit finden. Wut ist menschlich. Und der erste Schritt diese Seite an sich anzunehmen ist, sie auszusprechen. Ganz so wie im 18. Psalm.
Aber stattdessen wird der 18. Psalm verstümmelt. Das mir unangenehme verschwindet. Bis es explodiert.
 
Wir hatten zu einem Kinogottesdienst eingeladen. Wenn es nur um Unterhaltung gegangen wäre, hätten wir den Gottesdienst einfach weglassen und stattdessen einen reinen Kinoabend veranstalten können. Aber diese Kinogottesdienste bieten eine Chance. Nämlich die Dinge anzusprechen, die sonst zu kurz kommen und die wir bei uns selbst verschweigen. „Hulk“ zeigen wir im Anschluss.
Es ist die Geschichte eines Wissenschaftlers, der bei einem misslungenen Experiment einer großen Menge Gammastrahlung ausgesetzt wird und seitdem seine Wut nicht unter Kontrolle hat. Wenn er wütend wird verwandelt er sich in den Hulk, ein grünes Monster mit übermenschlichen Kräften, das eine Schneise der Zerstörung hinterlässt. Erst wenn die Wut ihr Werk vollbracht hat und verraucht ist, verwandelt sich der Hulk wieder in den Wissenschaftler Bruce Banner zurück.
Verzweifelt versucht Bruce Banner, den Hulk zu besiegen. Ihn loszuwerden. Das Monster wieder in den Tiefen seiner Seele zu verstecken.
Er scheitert. Denn der Hulk ist ein Teil von ihm. Und je länger er den Hulk zurückhält, desto explosiver der Ausbruch und desto stärker der Hulk.
Erst als er es schafft, den Hulk als einen Teil von sich selbst zu akzeptieren, kann er ihn kontrollieren und erst dadurch wird aus dem Monster ein Superheld.
 
37 Ich will meinen Feinden nachjagen und sie ergreifen, und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe.
38 Ich will sie zerschmettern; sie sollen mir nicht widerstehen und müssen unter meine Füße fallen.
41 Sie rufen-aber da ist kein Helfer-zum HERRN; aber er antwortet ihnen nicht.
42 Ich will sie zerstoßen wie Staub vor dem Winde; ich will sie wegräumen wie den Kot auf der Gasse.
gelobt sei mein Gott, der mir Rache gibt.
 
Diese Sätze aus dem 18. Psalm sind keine Handlungsanweisung. Aus diesen Worten soll man nicht lernen, jeden zu zerschmettern und umzubringen. Aber dieser Psalm ist ein Ventil. Es sind die Worte, die wir uns allzuoft selbst verweigern. Wer diesen Psalm spricht gesteht sich zuallererst seine Wut ein.
Und erst dann bin ich in der Lage mit meiner Wut umzugehen und andere Lösungen als Mord und Totschlag zu finden.
Wie könnte ich einen Umgang mit etwas finden, vor dem ich selbst die Augen verschließe.
Wenn ich weiß, was mich wütend macht, kann ich beginnen etwas zu ändern. Denn die Wut die ich mir nicht eingestehe ist die Wut, die Unschuldige trifft. Es trifft dann die, die gerade da sind, wenn es zum Ausbruch kommt. Mann kommt geladen wie ein 40-Tonner von der Arbeit und der eigene Partner oder die eigenen Kinder bekommen es ab. Weil sie halt gerade da sind. Und die sehen dann das grüne Monster und wissen nicht wie ihnen geschieht. Nur weil ich mich nicht getraut habe, mich meiner Wut zu stellen.
 
Der 18. Psalm steht in der Bibel. Die Worte sind da, die der Wut Ausdruck geben könnten. Und was machen wir? Wir kürzen diese Worte bis zur Unkenntlichkeit. Ich möchte euch noch eine dritte Fassung des 18. Psalmes vorlesen. Eine Neudichtung von einer Gruppe, deren Gewalt bei einem Ausbruch ich am eigenen Leib erfahren musste. Bei denen hört sich der 18. Psalm so an:
Gott du mein Freund, du meine Freundin
Du gibst mir Kraft Gott du mein Schutz, meine Hilfe
Du gibst auf mich acht.
Du führst mich in die Weite
Denn groß ist deine Liebe zu mir
Du Lebenslicht
Du verwandelst die Dunkelheit
Mit dir kann ich über Mauern springen
Darum will ich dir danken
Am Abend und am Morgen jetzt und immer
 
In dieser Neudichtung ist nichts mehr geblieben vom biblischen Psalm 18. Und die Gruppe, die den Psalm so verstümmelt hat, hält sich selbst für ungemein friedfertig. Wenn ich wählen könnte zwischen dieser Gruppe und dem Hulk – ich würde mich lieber dem grünen Monster stellen.
Wut gehört zu unserem Leben. Wenn wir uns das nicht eingestehen, belügen wir uns selbst und die Folgen sind katastrophal. Und vielleicht brauchen wir Geschichten wie die vom Hulk um uns daran zu erinnern.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 

 

 


Erster Brief in die Quarantäne

Liebe Freunde der Kulturgottesdienste,

Normalerweise kündige ich mit dieser Mail den nächsten Kulturgottesdienst an. Normalerweise. Aber im Moment ist nichts normal. Unsere direkte kirchliche Arbeit ist zurzeit auf Beerdigungen beschränkt und wir als Kirche müssen jetzt umlernen. Fast alle unsere Tätigkeiten bauen auf direkten Kontakt mit Menschen auf und ausgerechnet die sollen wir meiden.
Und so möchte ich in dieser Zeit gerne den Weg per Mail beschreiten und ausloten, was auf diesem Weg möglich ist.
Viele von Ihnen haben jetzt Zeit. Und die muss irgendwie gefüllt werden. Und auch die Zeit ihrer Kinder muss gefüllt werden, während der Kontakteinschränkung. Vielleicht können wir diese Zeit mit den Dingen füllen, die im Alltag immer zu kurz gekommen sind. Mit dieser und der kommenden Mail hoffe ich die ein oder andere Anregung geben zu können.
Der zweite Anlass für diese Mail trifft eigentlich das Herzensanliegen der Kulturgottesdienste, nämlich auch für die Menschen da zu sein, die nicht oder nur noch kaum in der kirchlichen Tradition verhaftet sind. Not lernt beten  - so heißt es. Ich bin mir sicher, dass wir in den kommenden Wochen Anlass und Bedürfnis zum Gebet haben werden, viele Menschen jedoch nicht mehr sicher sind, wie man das überhaupt macht oder sich komisch vorkommen, in einer Zeit der Not sich an Gott zu wenden, wenn man das ja sonst nie gemacht hat.
Und drittens habe ich eine Bitte: Helfen Sie uns Formen des kirchlichen Handelns zu finden, die auch ohne direkten Kontakt funktionieren. Es hilft uns auch schon, wenn sie ihre Bedürfnisse und Erwartungen an Kirche in dieser Situation  äußern. Oder aber sie haben Lust sich an dieser Rundmail zu beteiligen.
Und letztens: Wenn ihnen die Decke auf den Kopf fällt, wenn sie selbst merken, dass sie durch die Belastung der Isolation ihren Mitmenschen nicht mehr gut entgegentreten, dann melden Sie sich.
Sie erreichen mich  per Mail schwarz@kulturgottesdienste.de
Nun aber genug der Vorrede.  
 

 
Am kommenden Sonntag ist der Sonntag Judika. Einer der vorgeschlagenen Predigttexte ist die Geschichte von der Opferung Isaaks, ein Text der auch im Koran berichtet wird. Vor ein paar Jahren haben wir in den Kulturgottesdiensten den Imam Dr. Ali Özdil zu Gast gehabt und ihn gebeten eine Predigt zu halten, so wie er sie an einem Freitag in der Moschee gehalten hätte. Damit Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser ersichtlich sind gibt es dazu eine evangelische Predigt über die biblische Überlieferung.
Eine Predigt zum Lesen ist zwar nicht das gleiche wie ein Gottesdienstbesuch, aber vielleicht bringt die Lektüre ja ein wenig Abwechslung in die Eintönigkeit ihrer vier Wände.

Einen lieben Gruß an Sie alle aus Landesbergen,
Ihr Florian Schwarz
 






Predigtext aus der 37. Sure des Korans:
Abraham sprach: „Mein Herr, gewähre mir einen rechtschaffenen (Sohn).“ Dann gaben Wir ihm die frohe Kunde von einem sanftmütigen Sohn. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach (Abraham): "O mein lieber Sohn, ich habe im Traum gesehen, dass ich dich schlachte. !un schau, was meinst du dazu?" Er antwortete: "O mein Vater, tu, wie dir befohlen; du sollst mich, so Gott will, standhaft finden." Als sie sich beide (Gott) ergeben hatten und er ihn mit der Stirn gegen den Boden hingelegt hatte, da riefen Wir ihm zu: "Du hast das Traumgesicht wahr gemacht." So belohnen Wir jene, die Gutes tun. Das ist die offensichtliche Prüfung (die wir Abraham auferlegt haben). Und wir lösten ihn mit einem gewaltigen Schlachtopfer aus…“ 
 
Predigt Dr. Ali Özdil
Anhand einiger Beispiele soll gezeigt werden, was der Qur’ân an Zeichen/Versen (arab. Âyât) enthält, die zu einem besseren Verständnis des islamischen Monotheismus (arab. Tauhîd) führen. Hierbei spielt insbesondere Abraham eine zentrale Rolle, und zwar in insgesamt 26 von 114 Suren und an genau 69 Stellen im Qur’ân:12:124-140 = Abraham gilt als „Imâm für die Menschen“ (124) und die Ka‘ba als „Stätte Abrahams zum Gebetsort“ (125) …Abraham und Ismael errichten „die Grundmauern des Hauses“ (127): „Und unser Herr, mach uns Dir ergeben (muslimaini2) und aus unserer Nachkommenschaft eine Gemeinde, die Dir ergeben ist (muslimatan)“ (128)... „Als sein Herr zu ihm sagte: Ergib dich! (aslim!), sagte er: Ich ergebe mich (aslamtu) dem Herrn der Welten (131) Und Abraham befahl seinen Söhnen an und ebenso Jakob: Meine Söhne, Gott hat für euch die Religion auserwählt, darum sterbt nicht anders als ergeben (muslimûn) zu sein.“ (132). 
Dann folgt ein Bekenntnis der Propheten zu dem Einzigen Gott: „...als Jakob im Sterben lag, und als er zu seinen Söhnen sagte: Wem werdet ihr dienen, wenn ich weg bin? Sagten sie: Wir dienen deinem Gott, dem Gott deiner Väter Abraham, Ismael und Isaak, dem Einzigen Gott, und ihm sind wir ergeben (muslimûn). (133) bis (140) weiterlesen.  
Als der Prophet Muhammad mit der Offenbarung des Qur’ân kam, waren Abraham und die Ka‘ba in Mekka nichts Unbekanntes, ebenso der Glaube an einen Obergott (arab. ilâh). Man hatte aber zu dieser Zeit die Ka‘aba mit insgesamt 360 verschiedenen Götzen gefüllt, die man Gott beigesellte. Was nun der Prophet Muhammad in der Anfangsphase seines Auftretens tat, war der Aufruf bzw. die Einladung zu dem Einen Gott (Al-ilâh = Allâh), nämlich demselben Gott, zu dem auch die anderen Propheten eingeladen hatten: „Er (Gott) verordnete für euch die Religion, die Er Noah anbefahl und die Wir dir (Muhammad) offenbart haben und die Wir Abraham und Moses und Jesus anbefohlen haben. Nämlich (die), in der Einhaltung der Religion treu zu bleiben und euch deswegen nicht zu spalten. Hart ist für die Götzendiener das, wozu du sie aufrufst.“ 
                                                           
Abraham dient daher im Qur’ân als vorbildliches Beispiel, weil der Prophet Muhammad sich vor derselben Situation vorfand3 wie Abraham: „Und verließ ihnen die Geschichte Abrahams...“ (26:69) Oder „... So folgt der Religion Abrahams4, des Lauteren im Glauben, der neben Gott keine Götter setzte.“ (3:95) „Wahrlich, das erste Haus, das für die Menschen gegründet wurde, ist das in Bakka (= Mekka) – ein gesegnetes und eine Leitung für die Welten (96) In ihm sind deutliche Zeichen – die Stätte Abrahams. Und wer es betritt ist sicher...“ (97). 
Die Religion zu der eingeladen wird ist also keine neue, sondern die Religion Abrahams: „Und wer hat eine schönere Religion als jener, der sich Gott ergibt und dabei Güte übt und dem Glauben Abrahams folgt, des Aufrechten?“ (4:125). 
Und die Stätte Abrahams ist die erwähnte Ka‘ba: „Und als Wir für Abraham die Stätte des Hauses bestimmten (sprachen Wir): Setze Mir nichts zur Seite und halte Mein Haus rein für die Umkreisenden, Betenden und Sich-!iederwerfenden.“ (22:26) 
In Sure 37:100-107 wird die Opferbereitschaft Abrahams geschildert. Abraham sprach: „Mein Herr, gewähre mir einen rechtschaffenen (Sohn).“ Dann gaben Wir ihm die frohe Kunde von einem sanftmütigen Sohn. Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sprach (Abraham): "O mein lieber Sohn, ich habe im Traum gesehen, dass ich dich schlachte. !un schau, was meinst du dazu?" Er antwortete: "O mein Vater, tu, wie dir befohlen; du sollst mich, so Gott will, standhaft finden." Als sie sich beide (Gott) ergeben hatten und er ihn mit der Stirn gegen den Boden hingelegt hatte, da riefen Wir ihm zu: "Du hast das Traumgesicht wahr gemacht." So belohnen Wir jene, die Gutes tun. Das ist die offensichtliche Prüfung (die wir Abraham auferlegt haben). Und wir lösten ihn mit einem gewaltigen Schlachtopfer aus…“ 
Wie ist Abraham aber zu dieser Religion gekommen?  Die Chaldäer, unter denen Abraham lebte, besaßen eine gründliche Kenntnis der Himmelskörper. Sonne und Mond zählten zu den Hauptgottheiten. In Sure 6:74-83 wird die Suche Abrahams nach Gott geschildert. Abraham währt sich gegen den Götzendienst, woraufhin ihn Gott rechtleitet, ihn durch die physische Welt hindurch blicken lässt und ihm die geistige Welt dahinter zeigt. Danach muß Abraham eine schwere Zeit durchstehen (Verfolgung in Mesopotamien, Auseinandersetzung mit den Polytheisten (21:51-69, 37:97) und Streit mit dem Pharao Nimrud (2:258-260)), bis ihm die Gesandten Gottes (zwei Engel in Menschengestalt) erscheinen (11:69-76) und er die Botschaft erhält, dass er zum Ahnherr einer langen Reihe prophetischer Persönlichkeiten erwählt worden ist.     
                                                           3 In der Interpretation Maudûdis heißt es: „In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß Abrahams Glaube besonders bedeutsam war, denn fast alle Araber betrachteten ihn als ihren Leiter und ihr Vorbild. Besonders die Quraiš (Clan des Propheten) waren stolz darauf, vom ihm abzustammen und Hüter der Ka‘ba zu sein, die er erbaut hatte. Deswegen ist die Bezugnahme auf seinen Glauben an die Einheit Gottes, seine Ablehnung gegenüber dem Polytheismus und seine Auseinandersetzung mit seinem Volk wichtig. Dadurch wird nämlich aufgezeigt, wie wenig Substanz der Anspruch der Araber auf die Beziehung mit Abraham hatte. Sie sollen darauf hingewiesen werden, daß Muhammad und seine Anhänger sich jetzt in Abrahams Lage befanden und ihre Widersacher dem unwissenden Volk glichen, mit dem er sich auseinandersetzen mußte.“ 4 Siehe auch Sure 22:78: „Und eifert in Gottes Sache, wie dafür geeifert werden soll. Er hat euch erwählt und hat euch nichts auferlegt was euch in der Religion bedrücken könnte, der Religion eures Vaters Abraham. Er (Gott) ist es, der euch schon Muslime nannte und (nun auch) in diesem (Buche),...“

Im Qur‘ân werden noch andere Propheten als Beispiele vorgeführt, an der Zahl 25, die zu unterschiedlichen Zeiten zu unterschiedlichen Völkern gekommen sind. Diese haben jedoch alle eine Kernbotschaft: „Glaubt und dient nur dem Einen Gott (=Allâh)!“ 
Folgende Suren tragen die Namen von Propheten: Abraham (14) Die Propheten (21) Hûd (11) Jonas (10)  Josef (12) Luqmân (31) Maria (19) Muhammad (47) Noah (71) Sie alle sind menschliche Beispiele und Vorbilder für jeden, der an sie glaubt, und sie alle wurden von der Mehrheit der Menschen abgelehnt und verspottet. Manche von den Propheten wurden sogar verfolgt und getötet. Das Besondere bei allen von ihnen ist, daß sie sowohl mit Worten als auch mit Taten gegen Ungerechtigkeit vorgegangen sind. Sie waren sowohl Warner als auch Bringer froher Botschaften. Ihr größter Feind war die Unwissenheit. 
 
                         




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PRedigttext aus dem 1. Buch Mose im 22. Kapitel

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
 3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne
 5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
 6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
 9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
 10 und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete.
 11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
 13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.
 14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht.
 15 Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her
 16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont,
 17 will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen;
 18 und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.
 19 So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba, und Abraham blieb daselbst.
 
Evangelische Predigt über die Opferung Isaaks

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde…  
 
Liebe Gemeinde,
 
Diese alte Erzählung von Abrahams Glaubensgehorsam, die Geschichte in der der Stammvater Israels bereit ist seinen eigenen Sohn zu opfern einen eigentümlichen Reiz. Sie ist faszinierend erzählt. Ein Meisterwerk der Erzähltechnik.
 
Raffiniert allein schon durch die Doppelheit des Blickpunktes, auf den sich nun die Handlung dynamisch entwickelt.  Wir sehen es mit den Augen Abrahams und zugleich können wir den Ablauf von einer eigenen, höheren Warte betrachten. Einerseits wird dem Leser, dem Zuhörer, vorhergesagt:  „Es geht ja nur um eine Versuchung durch Gott. Um eine Zumutung, mit der es Gott ja nicht ernst machen wollte“.
Andererseits aber hatte der Befehl Gottes für Abraham selbst tödlichen Ernst. Für Abraham enthält der Befehl Gottes etwas Unbegreifliches: Das von Gott nach langer Zeit geschenkte Kind, das einzige Bindeglied, das zu der verheißenen Größe der Nachkommenschaft Abrahams führen könnte, soll Gott als Opfer wieder zurückgegeben werden. 
 
Sie erinnern sich: Abraham und Sarah waren längst in dem Alter, in dem sie keine Kinder mehr hätten bekommen können. Da kam die Ankündigung dieses Stammhalters, der zugleich die Verheißung eines großen Volkes erfüllen sollte. Nun soll Abraham  „den Einzigen, den er liebt,“ schlachten und damit zugleich seine eigene, ja die ganze Zukunft eines großen Volkes aufs Spiel setzen.
 
Wer nun erwartet, dass der Erzähler sich mit den Gefühlen Abrahams beschäftigt, der wird enttäuscht. Distanziert und kühl verzichtet der Erzähler darauf, uns nur einen einzigen Blick in Abrahams Inneres zu geben.  Er berichtet nur, wie Abraham gemäß dem offenbar in der Nacht empfangenen Befehl gehandelt hat.
Drei Tage war er unterwegs.  Er gibt vor, mit Isaak auf einem Berg beten zu wollen. Nichts Besonderes, auf Reisen war das damals Brauch. So trennt er sich von seinen Knechten, denn er kann sein Vorhaben nur durchführen, wenn er mit dem Kind allein ist. Die Knechte wären dem mordenden Vater sicherlich in den Arm gefallen. Deutlich verlangsamt sich von nun an das Tempo der Erzählung. Die Darstellung hat etwas Schleppendes und Umständliches. Aber dadurch gibt sie dem Leser etwas von dem Quälenden dieses Weges zu spüren.  Wieder diese große erzählerische Qualität, die uns hineinnimmt auf diesen Weg Schritt für Schritt den steilen Pfad hinauf auf den Berg Morija. 
 
Unser Erzähler übt bei allem, was in irgend einer Weise mit den Gefühlen Abrahams zu tun hat, eine große Zurückhaltung. Er handhabt vielmehr eine indirekte Methode in der Darstellung. Er deutet die inneren Gemütszustände mit großer Behutsamkeit an: So zeigt er uns Abrahams fürsorgliche Liebe zu dem Kind an der Verteilung der Lasten, die sie mittragen: Die gefährlichen Gegenstände, an denen sich der Knabe verletzen könnte, Feuerbrand und Messer trägt er selbst. 
 
Der Satz, „so gingen die beiden miteinander“ lässt uns ahnen, dass es der Knabe war, der erst nach einer Weile das bedrückende Schweigen gebrochen hat. „ Wo ist das Schaf zum Brandopfer?“ „ Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Nach dieser Frage wird der Satz wiederholt: „so gingen die beiden miteinander.“ 
Man sieht, wie sie die letzte Strecke des Weges schweigend zurücklegen. Das Gespräch selbst ist, trotz seiner äußersten Knappheit, ein wahres Seelengemälde. Die Antwort des Alten auf die Frage des Kindes ist von schonender Liebe bestimmt. Tatsächlich ist die Antwort für den Hörer doppelsinnig. Sie enthält auch eine Wahrheit, die der Leser kennt, die aber Abraham selbst noch nicht bewusst ist. Wieder die doppelte Blickrichtung.
Die Antwort Abrahams führt bis dicht an die Lösung, um dann abzubrechen und beide wieder ihren Gedanken zu überlassen. Bei den Verrichtungen auf dem Berg verlangsamt sich die Erzählung noch einmal. Mit schrecklicher Genauigkeit werden die Einzelheiten vermerkt: Abraham baut den Altar.  Er schichtet das Holz darauf. Er bindet Isaak. Und setzt ihn oben darauf. 
Nun sogar die einzelnen Bewegungen:
Er streckt die Hand aus…. 
Er nimmt das Messer.......
 Ich breche meine Erzählung hier ab, das Ende kennen sie ja. 
 
Eine ekelhafte Geschichte. Eine der Geschichte, deren inhaltliche Wucht und erzählerische Raffinesse beeindruckt, eine der Geschichten, die einen nicht loslassen. Und eine der Geschichten, deren handelnde Personen unsympathisch sind - Ein erzählerischer Kunstgriff, zu dem in der Literaturgeschichte nur äußerst selten gegriffen wird.
 
Abraham. Ein Vater der bereit ist seinen eigenen Sohn zu opfern. Der bereit ist selbst das Messer in die Hand zu nehmen und seinem eigenem Kind die Kehle durchzuschneiden und seinen Sohn ausbluten zu lassen wie ein Schaf.
Stellen Sie sich vor, sie läsen in der Zevener Zeitung einen Bericht über einen solchen Mordfall.
 
Gott. Ein Gott, der solches von Abraham verlangt. Ohne Angabe eines Grundes. Es ist egal, ob sie diese Geschichte aus den Augen Abrahams verfolgen oder aus den Augen des Erzählers – Ob sie diese Forderung als den tödlichen Ernst den er für Abraham hat hören oder aus der Rolle des Lesers, dem diese Forderung als ein perverses Spiel mit Abraham erscheinen muss.
Diese Forderung Gottes lässt mich zweifeln.
 
Und das war es auch schon mit den handelnden Personen.
Isaak ist Objekt. Isaak wird nicht gefragt und hat keinerlei Einspruchsrecht. Wenn Sie diese Geschichte im Koran nachlesen, dann werden sie dort einen Unterschied feststellen: Isaak gehört in der heiligen Schrift der Muslime zu den handelnden Personen. Abraham bespricht sich dort in der 37 Sure mit seinem Sohn. Und dort ist es Isaak, der seinem Vater zuspricht, dass er Gott gehorchen müsse. Aber in der Bibel, in der Überlieferung auf die wir Christen uns berufen, ist Isaak nicht mehr als ein Schlachtvieh.
 
Sarah, Abrahams Frau und Mutter Isaaks, wird nicht einmal erwähnt.
Die Knechte, die Vater und Sohn begleiten, werden zurückgelassen als es ernst wird.
 
Nein es gelten nur zwei: Abraham und sein Gott. Niemand zwischen den beiden und niemand neben den beiden.
 
Vielleicht ist aus der Sicht des spirituell Interessierten dies eine erstrebenswerte Situation. Für Abraham aber ist es schlicht und einfach brutal. Sein Gott verlangt etwas von ihm, und es gibt keinen Menschen mit dem sich Abraham darüber austauschen könnte. Mit seinem Sohn nicht, mit seiner Frau nicht. Mit Niemanden.
Was Gott von ihm verlangt ist Gehorsam.
Kadavergehorsam.
 
Muss Abraham überhaupt in einem solchen Fall Gehorsam leisten? Ich habe meine Schwierigkeiten, diesen Text als eine Predigtvorlage zu betrachten. Ich kann sie nicht unreflektiert für einen Gehorsam Gott gegenüber auslegen. Ist diese Erwartung von Kadavergehorsam nicht im Grunde unmoralisch, verstößt sie nicht grundsätzlich gegen Gottes eigenen Gebote? Gilt es immer noch, dass der Mensch Gott gegenüber blinden Gehorsam zu leisten hat, so wie es noch immer die Ordensregeln der Jesuiten widerspiegelt?   
 
Noch 1974 schreibt der Theologe Hans von Balthasar in seinem Buch: „die großen Ordensregeln “ Der Gehorsam lässt alles Befohlene sofort zur Tat werden. Jede eigene Ansicht und jedes eigene Urteil, das sich dem widersetzt, sind im blinden Gehorsam zu verleugnen … “. 
 
Als die Generation meiner Eltern ihre Väter befragten, warum sie damals die SS-Schergen gewähren ließen, warum ein Eichmann oder ein Mengele unwidersprochen morden konnten, und sie fragten, warum fast alle mitgemacht hätten, warum die große Mehrheit bedingungslos gehorsam gewesen war?  Da erntetet sie Schweigen. Oder sogar die Berufung auf Befehlsnotstand und den geleisteten Eid. 
Die Problematik des Gehorsams ist aber nicht nur eine Frage an die Generation meiner Großväter.
Im Jahr 1970 wurde dies durch einen  Film deutlich, der den Titel hatte: „Abraham- ein Versuch“ 
Der Film war die Fernsehdokumentation eines Experiments, des Max-Planck- Instituts in München zum Problem „Gehorsam und Autorität. Ein Pädagogik- Professor machte mit seinen Studenten einen wissenschaftlichen Versuch. Untersucht werden sollte, der Zusammenhang von Bestrafung und Lernerfolg. Schüler sollten Wortpaare bilden. Fehlten einem Schüler ein Wortpaar, erhielt der Schüler von dem Studenten einen Stromstoß. Die Schüler waren in unterschiedlichen Räumen, von den Studenten getrennt. Die Stromspannung wurde nach jedem Fehler um 15 % erhöht. 
Die Schüler fingen an zu stöhnen.  Aber der Professor beruhigte die Studenten mit dem Argument, es handele sich nur um einen wissenschaftlichen Versuch. Die Autorität des Professors war so groß, dass die Studenten ihm gehorchten und ihre Schüler bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus quälten.  Wenn einer der Probanden zögerte, reichte allein der Satz aus: „Bitte fahren sie fort“ und das Experiment ging weiter
Natürlich kamen die Schmerzensschreie der Schüler von einem Tonband, sie waren nicht echt. Das wussten aber die Studenten nicht. 26 Studenten von 40, die an dem Versuch teilgenommen hatten, waren unter dem Druck des Professors bereit, ihre Schüler mit bis zu 450 Volt zu bestrafen. Elektroschocks, die absolut tödlich gewesen wären.  
Nach diesem Experiment waren die beteiligten Studenten selbst schockiert.  Auch 1970 – nach den Erfahrungen des 3. Reiches und des Holocausts – steckte in den Studenten immer noch ein Stück des Gehorsams Abrahams.  Wie schnell daraus Kadavergehorsam werden kann, hat die deutsche Geschichte immer wieder gezeigt. Davon ist auch die Geschichte unserer Kirche betroffen.  Von der Inquisition über Thron und Altar bis hin zu dem Obrigkeitsdenken unserer Kirchenleitungen.
 
Das dritte Reich, davon bin ich mittlerweile überzeugt, kann sich jederzeit wiederholen. Das Entscheidende was dazu notwendig ist, der bedingungslose Kadavergehorsam, steckt immer noch in uns allen.
 
Die Geschichte von Abraham und dem Befehl Gottes, seinen eigenen Sohn zu schlachten ist furchtbar. Es ist eine ekelhafte Geschichte. Und es ist ein Gottesbild darin, das mich würgen lässt.
Und doch stehe ich vor der Aufgabe diese Geschichte als Teil meiner Tradition und meines Glaubens annehmen zu müssen.
 
In einer Bibelübersetzung die ich habe, steht über dieser Geschichte die Zwischenüberschrift „Die Prüfung Abrahams“.
Abrahams Glaubensfestigkeit wird geprüft. Wie weit ist Abraham bereit Gott zu gehorchen.
Mein Weg diese Geschichte als Teil meiner Tradition zu ertragen führt über diese Überschrift.
 
Abraham wurde geprüft. - Und er hat diese Prüfung nicht bestanden.
 
In seinem verabscheuungswürdigen Kadavergehorsam ist er mit Pauken und Trompeten durchgefallen. In dem Moment, als er das Messer erhob und bereit war seinem Kind die Kehle durchzuschneiden wendet sich Gott ab. Abraham hat gezeigt, dass er gehorsam ist – und damit hat er Gott bitter enttäuscht.
 
Wer hat festgelegt, dass das von Gott gewünschte Ergebnis dieser Prüfung Abrahams Gehorsam sein sollte?
 
 
 
Gott spricht mit Abraham. Und er spricht direkt zu Abraham. Von Beginn an ist es diese besondere Kommunikation, die nur wenige Menschen erfahren. Nicht über Geschichten, Deutungen oder einen Mittler, sondern Abraham hört Gottes Wort, als ob er ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würde. „Geh in ein Land das ich dir zeigen werde“ mit diesem Satz Gottes zu Abraham beginnen die Abraham Geschichten. Immer wieder spricht er mit Abraham. Immer wieder diese ganz besondere, direkte und unmittelbare Ansprache.
Und auch die Aufforderung seinen Sohn zu schlachten richtet Gott direkt an Abraham.
Gott spricht direkt zu Abraham - bis zu dem Moment als Abraham das Messer hebt…
Als Abraham seinen Kadavergehorsam unter Beweis stellt, hört diese Kommunikation auf. Gott spricht von diesem Moment an nicht mehr mit Abraham. Er lässt von diesem Moment auf dem Berg Morija einen Engel mit Abraham reden. Die direkte Kommunikation ist vorbei und bis zu Abrahams Tod wird sie nur noch mittelbar geschehen.
 
 
Ich kann diese Geschichte nur so ertragen. Ich kann Gott nur ertragen, wenn ich mir vorstelle, dass Abraham diese Prüfung nicht bestanden hat, sondern Gott nicht seinen Gehorsam, sondern seinen Ungehorsam gewollt hat. Ich kann Gott nur ertragen, wenn ich mir vorstelle, dass der Herr einen aufrechten Menschen zum Stammvater seines auserwählten Volkes gewünscht hat und nicht einen, der auch als Aufseher in einem KZ funktioniert hätte.
 
 
Wie befreiend ist das Wort Jesu von Nazareths: Nicht der Mensch ist für das Gesetz da, sondern das Gesetz für den Menschen. Für Jesus von Nazareth, ist Gehorsam kein Leistungsprinzip mehr. Es geht um die Bewährung der Freiheit des Glaubens. Nicht Leistungen des absoluten Gehorsams eröffnen uns den Zugang zu Gott, sondern das geschieht allein aus Gnade, allein aus Glauben. Der Gehorsam selbst wird auf diese Weise von einer einseitigen Eingrenzung auf die bloße Subjektivität entschränkt und erhält dadurch vor allem einen Sozialbezug. 
Gehorsam ist grundsätzlich kein Prinzip, sondern ist immer auch ein Moment der persönlichen Verantwortung. Diese persönliche Verantwortung und eine bestehende Gehorsamspflicht können sich nicht ausschließen, sind kein entweder oder.
Nur so kann der Gehorsam nicht zu einem Entschuldigungsgrund für eine nicht praktizierte Verantwortung werden. Abraham kann für unsere Generation auf Grund unserer eigenen historischen Erfahrungen nicht mehr zu einem Leitbild von Gehorsam sein. 
 
 
Übrigens die Geschichte von Abraham endet für uns Christen noch nicht. Sie hat eine Fortsetzung im Neuen Testament. Paulus schreibt sie fort. Wer wissen möchte, was Paulus über Abraham und das Thema Gerechtigkeit schreibt, findet im 4. Kapitel des Römerbriefes eine Antwort. Paulus schreibt: „Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, aber an den der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit“
 
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Jesus Christus.
Amen
 

Entartete Musik

Ein neues Jahr, ein neuer Ort.

Die Kulturgottesdienste sind wieder mal umgezogen. Gemeinsam mit dem deutsch-französischem Pigletcircus haben wir ein Winterquartier im schönen Landesbergen bezogen, mit Werkstatt und Probebühne  Für den  ersten Kulturgottesdienst in dieser Region öffnet die St. Martinikirche in Rehburg ihre Pforten für uns.

Thematisch hätten wir gerne etwas Fröhliches zum Auftakt gebracht, aber als wir am 10. Oktober 2019 feststellen mussten, dass die Kirche in Zeven, unser damaliges Domizil, mit Hakenkreuzen verunstaltet wurde - gesprüht in der Naht nach dem Mordanschlag auf die Synagoge in Halle - und die Polizei dann auch noch von einem "Dummenjungenstreich ohne politischen Hintegrund" sprach, haben wir uns entschieden gemeinsam mit dem Verein Stolpersteine Rehburg-Loccum den Kulturgottesdienst einem Thema zu widmen, dass leider kein historisches ist. Die Diskreditierung von kulturellem Ausdruck durch rechte Internettrolle und diese ekelhafte neue faschistische Partei hat im Jahr 2019 neue Tiefpunkte erreicht. Das wollen wir so nicht hinnehmen. Entartete Musik, gespielt von der Swing-Band Blue Fridays, begleitet den Kulturgottesdienst am 26.Februar 2020 (Aschermittwoch) um 19.00 Uhr.