Vor über zwei Jahren erschien die Forumstudie über den sexuellen Missbrauch in der Evangelischen Kirche.
Nicht die Vorfälle in einer bestimmten Gemeinde wurden darin untersucht, sondern die Strukturen sollten offengelegt werden, innerhalb derer soviel Leid geschehen konnte und Täter über Jahrzehnte ungestraft sich an Kindern und Jugendlichen vergehen konnten.
Was in diesen zwei Jahren seit Erscheinen der Studie geschehen ist kommt mir manchmal als bloße hektische Betriebsamkeit vor. Der entscheidende Begriff in der Forumstudie lautete Verantwortungsdiffusion. Während zehntausende von Ehrenamtlichen Präventionskurse besuchen mussten ist dieser zentrale Aspekt einfach unter den Tisch gefallen.
Und als Martin Watzlawik, Leiter der Forumstudie Ende vergangenen Jahres gefragt wurde, ob sein Team in irgendeiner Weise an der Umsetzung der Studienergebnisse durch die EKD in irgendeiner Weise beteiligt worden sei, konnte er kurz und knapp antworten: „NEIN“.
Sind die Verantwortlichkeiten nun geklärt. Sowohl die aktuellen als auch die VErantwortlichkeiten der Vergangenheit? Und gab es Konsequenzen für nicht getragene Verantwortung?
Wir fragen nach.
Es ist der mittlerweile dritte Gottesdienst zu diesem Thema. Und uns geht die Phantasie aus, welchen Kulturbeitrag wir dazu nehmen könnten. Und zum ersten Mal haben wir keine Live-Performance in einem Kulturgottesdienst. Statt dessen eine kleine Ausstellung mit Bildern einer Betroffenenen.
Predigt im Kulturgottesdienst „Verantwortungsdiffusion“
30.Mai 2026 in der Martin-Luther-Kirche in Hoya
Liebe Gemeinde,
Im Januar 2022 habe ich in dieser Kirche eine Predigt über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gehalten. Jetzt schäme ich mich dafür. Nicht weil ich etwas Falsches über die katholische Kirche gesagt hätte.
Sondern weil ich in dieser Predigt davon ausging, dass es ein vor allem katholisches Problem ist und die Gründe dafür auch in bestimmten katholischen Lehrentscheidungen, wie zum Beispiel dem Zölibat, zu finden sind.
Für unsere evangelische Kirche aber ging ich damals davon aus, dass es das sicher auch bei uns geben würde, allerdings ging ich ganz naiv von Zahlen aus, die vergleichbar wären mit der Zahl der Vorfälle wie sie auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft zu finden sind. Und ich hatte damals noch das Vertrauen, dass in unserer Kirche solche Taten nicht unter den Teppich gekehrt würden.
Ich naiver Idiot.
Und dann erschien die ForuM-Studie. Und die Berichte über Oesede und Hermannsburg.
Punktuell mögen sich die katholische und evangelische Kirche und die Art und Weise der Vertuschung vielleicht unterscheiden. Allerdings sind das Punkte, die jedem und jeder Betroffenen ganz egal sind. Denn das betrifft nur das Warum der Täter.
Vertuschung ist auch bei uns geschehen. Und ich gehe davon aus, dass es ein System dahinter gegeben hat.
Und dass es Menschen in unserer Kirche gegeben hat und gibt, die die Verantwortung für die Vertuschung hätten tragen müssen.
Als vor zwei Jahren die ForuM-Studie erschien gab es ein Schlagwort, das versuchte zu erklären, warum all die Fälle unter dem Teppich bleiben konnten.
Verantwortungsdiffusion
Als wäre nicht geregelt gewesen, wer die Verantwortung trägt. Wir reden dabei nicht über die primären Täter, die sich an einem Kind vergangen haben. Verantwortungsdiffusion beginnt an dem Moment, an dem die Tat offenbart wurde.
Wer trägt jetzt die Verantwortung?
Die Ehrenamtliche, der das Kind sich anvertraut hat?
Der Pastor der Gemeinde, der davon erfuhr?
Der Kirchenvorstand?
Der Superintendent bei dem der Fall auch irgendwann landete?
Die Kollegen in den Nachbargemeinden, die nicht weiter nachfragten als sie Gerüchte vernahmen?
Die Kirchenleitung in Hannover?
Der Bischof als ranghöchster Verantwortungsträger unserer Landeskirche?
Oder auch die Gemeindeglieder, die davon wussten und nicht nachgehakt haben, warum der Fall nicht behandelt wird?
Wen man auch fragte in den Untersuchungen, eigentlich wies fast jeder die eigene Verantwortung weit von sich.
Jeder war froh sich irgendetwas zurechtlegen zu können, damit die Verantwortung an anderer Stelle liegen sollte.
Die Landeskirche Hannovers ist hierarchisch organisiert. Eigentlich dürfte es da keine Verantwortungsdiffusion geben. Und wenn man sich in einem Hierarchischen System nicht sicher ist, dann kann man die nächsthöhere Stelle informieren und die entscheidet dann, ob es ein Fall ist, der vor Ort geregelt werden kann oder ob man die angetragene Verantwortung bei sich behält oder gegebenenfalls ebenfalls noch eine Etage höher reicht.
Das ist das Einfache an hierarchischen Systemen.
Und andersrum gilt das auch. Wenn es darum geht, nicht getragene Verantwortung zu ahnden.
Es ist ein schlechter Witz von Verantwortungsdiffusion zu sprechen.
Was am Schluss bleibt ist, dass der oder die Betroffene ohne Hilfe allein gelassen wurde.
Sie haben im Foyer die Zeichnungen einer 14jährigen gesehen. Sie stammen aus der Zeit ihres Martyriums und der darauffolgenden Zeit.
Sie hat ihr Skizzenbuch offen liegen gelassen in der Hoffnung, dass ihre Mutter es findet und handelt, weil sie selbst nicht in der Lage war sich mit Worten ihren Eltern anzuvertrauen.
Die Mutter hat gesehen und sofort verstanden. Deutlicher als mit diesen Bildern kann man es nicht ausdrücken.
Im Oktober 2024 meldeten die Eltern die Tat bei der Polizei. Der Polizist wies darauf hin, dass das Mädchen jetzt keine Therapie beginnen dürfe, weil ihre Aussage sonst nicht mehr vor Gericht voll zählen würde.
Ein halbes Jahr wurde das Kind so in der Luft hängen gelassen. Ein Antrag auf richterliche Vernehmung, um den Vorgang zu beschleunigen, wurde abgelehnt, bis die Nachricht kam, dass kein Verfahren eingeleitet werden würde.
Warum so vorgegangen wurde?
Ich zitiere aus den Gerichtsunterlagen
„da weder eine Zwangslage bei ihrer Mandantin vorgelegen hat, ein Entgelt für die Handlungen gezahlt wurde oder ersichtlich wäre, dass die Mandantin nicht über die Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung verfügt.“
Und dann noch der Hinweis:
„Das Umentscheiden ihrer Mandantin hinterher kann nicht zur strafrechtlichen Relevanz führen“.
Sie haben die Bilder dieses Kindes gesehen.
Keine Zwangslage? Stattdessen sexuelle Selbstbestimung?
Bei einer 14jährigen?
Der Einspruch der Eltern wurde im Juni abgelehnt.
Sie hätten in die nächsthöhere Instanz gehen können. Doch das hätte bedeutet, dass das Mädchen immer noch keine Therapie beginnen könnte.
Erst im letzten Monat, 20 Monate nachdem sie sich mit ihren gezeichneten Hilfeschrei an ihre Eltern gewandt hat, hat sie einen Therapieplatz bekommen.
Einen der viel zu wenigen Therapieplätze deutschlandweit.
Der Täter, ein bekannter Clown, fährt derweil fröhlich durch die Gegend und obwohl er Kontaktverbot zu jungen Mädchen auferlegt bekam, zumindest außerhalb seiner beruflichen Tätigkeit, habe ich ihn mit dem nächsten jungen Mädchen im Auto gesehen, doch es war zu schnell, als das ich es fotografisch hätte dokumentieren können.
Mehr als ein Auftraggeber von ihm wurde informiert über sein zweites Gesicht. Doch nur eine Kirchengemeinde in Hannover hat das Engagement abgesagt, alle anderen kommerziellen Theater und Circusse haben auch weiterhin mit ihm zusammengearbeitet.
So sucht er sich seine Opfer.
Wer trägt die Verantwortung?
Die Nienburger Polizei hat den Eltern zufolge sich alle Mühe gegeben und die Familie im Rahmen der Möglichkeiten gut begleitet. Dafür gilt ihnen mein Dank und auch der Dank der Eltern.
Wer trägt die Verantwortung?
Der bearbeitende Polizist hatte aber auch ganz konkrete Menschen vor sich. Das Opfer hatte für den Beamten ein Gesicht und einen Namen.
Die Staatsanwaltschaft jedoch hat nach Monaten und allein nach Aktenlage und ohne mit dem Mädchen zu sprechen erst gar kein Verfahren eingeleitet.
Wer trägt die Verantwortung?
Der Circus der wochenlang mit dem Gesicht des Täters
Werbung gemacht hat und ihm damit weiterhin die Möglichkeit zur Anbahnung gibt?
Wer trägt die Verantwortung?
Trage ich die, der ich seinen Namen hier nicht nenne und mit den Informationen rumeiere um eine Anzeige wegen Verleumdung zu vermeiden?
Wer trägt die Verantwortung?
Die Eltern des Mädchens, die dem Täter vertraut haben?
Oder aber das Mädchen selbst? Zumindest muss ich so das Schreiben der Staatsanwaltschaft verstehen. Schließlich bestand laut Staatsanwaltschaft ja keine Zwangslage und das Kind ist ja auch nicht bezahlt worden für den Missbrauch an sich. Und wahrscheinlich schien sie ja als 14jährige die Fähigkeit der sexuellen Selbstbestimmung gehabt zu haben.
Wer trägt die Verantwortung?
Wer trägt die Verantwortung?
Verantwortungsdiffusion heißt auch, dass solange ich irgendwen weiß dem ich die Verantwortung zuschieben kann, dass ich sie nicht zu tragen brauche.
Von wegen.
Mit Diffusion – so das Internetlexikon Wikipädia -
bezeichnet man Stoff-Transport, der auf ungerichteter Zufallsbewegung der Teilchen des diffundierenden Stoffes beruh
In einem abgeschlossenen System bewirkt Diffusion den Abbau von Konzentrationsunterschieden bis hin zur vollständigen Durchmischung.
Bis zur vollständigen Durchmischung…
Dann heißt Verantwortungsdiffusion, dass wir alle verantwortlich sind.
Es ist das falsche Wort.
Verantwortungsverweigerung beschreibt es viel deutlicher.
Ich habe ihnen als biblische Lesung das erste Kapitel aus dem Buch des Propheten Jona gelesen.
Gott hat Jona beauftragt der Stadt Ninive das Gericht anzukündigen. Damit hat Jona – und niemand anders die Verantwortung dafür dass das geschieht.
Nur Jona will das nicht. Er flieht vor seiner Verantwortung.
Doch Gott lässt ihn nicht die Verantwortung abwerfen.
Und er gibt sie auch nicht an einen anderen Propheten.
Jona trägt die Verantwortung.
Und als Gott einen Sturm schickt und sein Fluchtboot zu sinken droht und mit ihm auch alle anderen Passagiere vom Tode bedroht und Jona durch das Losverfahren, das damals noch als Beweis galt, als Grund für den Sturm ermittelt wurde,
dann, erst dann übernimmt Jona die Verantwortung für sein Nichthandeln.
12 Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, daß um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.
15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten.
Liebe Gemeinde,
Ich will keinen vierten Gottesdienst zu diesem Thema halten.
Doch die, die ich nach dem Lesen der Missbrauchsstudien für die Verantwortlichen des Vertuschens erachte, tragen ihre Verantwortung nicht.
Und deren Vorgesetzten tragen die Verantwortung für ihre Mitarbeiter nicht.
Stattdessen Massen von Nebelkerzen.
Präventionsschulungen von Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen das geschieht und das ist auch richtig so.
Aber durch die fast hektische Betriebsamkeit in diesem Bereich wird versteckt, was nicht geschieht.
Das zentrale Thema des Christentums ist Schuld.
Nicht Vergebung!
Vergebung ist die wünschenswerte Antwort auf dieses Thema. Das Thema aber ist Schuld.
Und der stellen wir uns nicht.
Die deutsche Sprache ist prägnant. Wir sprechen davon, jemanden zur Verantwortung zu ziehen.
Stellen sie sich das bildlich vor. Dann merken sie das hinter der Formulierung auch steckt, dass die Verantwortung wohl nicht freiwillig getragen wird. Man muss den Verantwortlichen erst dahin ziehen.
Oder biblisch mit dem Propheten Jona gesprochen:
Das Boot muss erst sinken.
Verantwortungsdiffusion
In einem abgeschlossenen System bewirkt Diffusion den Abbau von Konzentrationsunterschieden bis hin zur vollständigen Durchmischung.
Wenn wir dieses Ablenkungsmanöver der angeblichen Verantwortungsdiffusion nicht entlarven, dann kommt es - chemisch gesprochen – zur vollständigen Durchmischung. Und das heißt wir haben alle die gleiche Verantwortung und tragen alle die gleiche Schuld.
Die Schuld, dass Kinder solche Bilder malen, wie heute im Foyer hängen. Die Schuld dass solche Kinder hilflos alleine gelassen wurden, dass man sie bedroht hat, bloß nichts zu sagen, weil man sich selbst und die eigene Institution schützen wollte.
Wenn wir uns unserer Verantwortung nicht stellen, dann verdienen wir es nicht mehr, uns Kirche Jesu Christi zu nennen.
Und wenn wir zulassen, dass die Verantwortlichen ihre Verantwortung und Schuld abschieben, vertuschen und unter den Teppich kehren können, dann machen wir alle uns mitschuldig.
Der Prophet Jona ertrinkt nicht, nachdem er über Bord geworfen wurde. Drei Tage verbringt er im Bauch des Wales, bis er endlich bereit ist seine Verantwortung zu tragen.
Und dann ist er in Ninive. Und er kündigt dem König von Gottes Zorn über all das was in der Verantwortung des Königs geschehen ist.
Von der Strafe erzählt er dem König, die nicht nur ihn, sondern die ganze Stadt treffen wird.
Und der König?
Er übernimmt und trägt die Verantwortung.
10 Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht.
Wenn im alttestamtlichen Denken selbst ein Heidenkönig dazulernen und umdenken kann, dann sollten die Vertuscher in unserer Kirche das doch auch können.
Verantwortung zu tragen
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Schuld, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
Wenn Sie gerne per E-Mail zum nächsten Kulturgottesdienst eingeladen werden möchten, dann tragen Sie sich in unseren Newsletter ein:
Kulturgottesdienste
Kontakt: Florian Schwarz; Lange Straße 66; 31628 Landesbergen; E-Mail: schwarz(at)kulturgottesdienste.de