Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.

Es gibt in unserem Kirchenkreis einen Selbsthilfechor. NAchdem eine meine Lieblingsbestatterinnen in den Ruhestand ging hat sie den gegründet um die zahlreichen Selbsthilfegruppen zu vernetzen. 

Eines meiner Lieblingslieder aus dem Evangelischem Gesangbuch ist "!Wer nur den lieben Gott lässt walten". Das haut mit der Idee von Selbsthilfegruppen nicht so recht zusammen. 

Und weil thematische Spannungen spannend sind, haben wir den Selbsthilfechor eingeladen um dem auf den Grund zu gehen. 

 

 

 

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

 

Pastoren haben am Beginn ihrer Dienstzeit eine Probezeit von drei Jahren. Drei Jahre, in denen man eine Menge lernt, was die Universität den Theologiestudenten nicht beibringt.

 

 

 

So eine Lektion bekam ich in Cuxhaven. Ein Seelsorgegespräch. Und am Schluss sagte der Mann mir, er habe sich nur getraut mich als Pastor anzusprechen, weil ich eine Lederjacke getragen hätte.

 

 

 

Ich habe das zunächst nicht verstanden. Aber für den Mann war die Lederjacke ein Zeichen von Gemeinsamkeit. Wenn der Pope so was trägt, dann versteht der vielleicht auch meine Lebenswirklichkeit.

 

Ich weiß nicht genau, was er mit dieser Lederjacke verband. Aber je länger wir uns unterhielten, desto mehr biographische Gemeinsamkeiten entdeckten wir.

 

Am Ende hatte ich verstanden, dass es nicht die Lederjacke war, sondern das, wofür er diese Jacke als Symbol ansah: „Der versteht mich, weil er vielleicht ähnliches aus eigener Erfahrung kennt“.

 

 

 

In meiner Ausbildung wurden wir immer wieder darauf hingewiesen, in Gesprächen nicht zu viel Persönliches preiszugeben.

 

Nach dem Lederjacken-Gespräch habe ich beschlossen, diesem Rat meiner Ausbilder nicht zu folgen.

 

Ich erzähle auch von mir. Von meinen Erlebnissen, meinem Scheitern, von Problemen die mir begegnet sind und genauso auch von dem, was mich dadurch hat tragen können.

 

 

 

Ich vermute, dass der Ratschlag meiner Ausbilder uns helfen sollte, uns nicht so angreifbar zu machen.

 

 

 

Wie sähe das denn auch aus. Der Herr Pastor ist doch der Fels in der Brandung. Und moralisch doch auf der sicheren Seite.

 

Wie sähe das denn aus, wenn mein Kollege offen über sein Alkoholproblem reden würde. Dann würde der doch nicht mehr ernstgenommen werden.

 

Oder die Kollegin, die irgendwann nicht mehr versteckt hat, dass sie eine Frau liebt.

 

Nein die holde Geistlichkeit ist frei davon. Und ich als hilfesuchendes Gemeindemitglied habe dann jemand vor mir, der solche Fehler wie ich sie habe, nicht hat.

 

 

 

Als meine erste Ehe in die Brüche ging und ich von einem Tag auf den anderen alleinerziehend war, kamen plötzlich andere Menschen in den Gottesdienst. Und eine sprach es deutlich aus: „Wenn der Pastor alleinerziehend sein darf, dann muss ich mich nicht mehr schämen dafür.“

 

Das hat mir zu denken gegeben. Dass Ehrlichkeit Wege eröffnet. Dass ein offener Umgang mit einer unangenehmen Tatsache des Lebens Mut machen kann.

 

 

 

Ich habe nicht verschwiegen, dass ich in meinem Leben einmal in der Situation war nicht mehr weiterzukönnen und dass psychologische Hilfe mir eine großartige Unterstützung gewesen ist. Muss ich mich dafür schämen?

 

Wenn ich das verschweigen würde, dann könnte ich nicht mit der gleichen Glaubwürdigkeit den Ratschlag geben, solche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

 

 

 

Ich hab in der Uni schon aufgepasst im Fach Seelsorge, aber was ich wirklich brauche, um ein Seelsorger zu sein, ist nicht das theoretische Wissen, welche Ratschläge ich geben soll, sondern ich brauche die Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Die ich selbst machen musste und das, was ich begleitend gelernt habe von und mit Menschen in meinem Umfeld, die ich privat begleitet habe.

 

Der Mann mit der Lederjacke hat es eigentlich auf den Punkt gebracht: Er konnte sich mir anvertrauen, weil es etwas gab, das ihn vermuten ließ, dass ich ihn verstehe.

 

 

 

Als ich die Lübberings kennenlernte und sie mir von ihrer Selbsthilfegruppe  berichteten, da erkannte ich das wieder.

 

Selbsthilfegruppen setzen genau auf das: Du bist nicht alleine mit deinem Problem. Und wenn niemand in deinem Umfeld dich zu verstehen vermag, so findest du genau das hier bei uns in der Selbsthilfegruppe.

 

 

 

Und jeder Ratschlag, den ich dort bekomme, hat ganz anders Gewicht und eine Glaubwürdigkeit, die ein Außenstehender – und sei er noch so belesen – niemals erreichen wird.

 

 

 

Und noch etwas haben die Selbsthilfegruppen, was kein Nichtbetroffener bieten kann: Und das ist der Umgang mit Scham.

 

Nicht jede Selbsthilfegruppe hat ein Thema, das schambesetzt ist. Aber für viele ist das so.

 

 

 

Als ich meinen Zivildienst in einer Drogenberatung ableistete, da schrieb ich meinem Großvater, was ich da so machen würde und was für Menschen zu uns kommen. Mein Großvater hatte null Verständnis. „Die sind doch selber schuld“.

 

 

 

Ja! Niemand hat unsere Klienten gezwungen sich den ersten Schuss zu setzen. Aus welchen Gründen und unter welchen Umständen auch immer das geschehen ist: Niemand hat sie dazu gezwungen.

 

Aber wenn ich mit Schuld komme, dann beende ich die Kommunikation. Denn Schuld ist kein Werkzeug um sich aus einer Situation zu befreien.

 

Vielleicht mögen Schuldgefühle bei manchen dazu führen, sich ihrer Lage bewusst zu werden und die Notwendigkeit erkennen lassen, etwas zu ändern. Aber Schuld ist kein Weg da heraus. Und diese Schuldgefühle kann man nur selber haben und es bringt gar nichts, Schuld als Vorwurf von außen einzureden.

 

 

 

Wenn ich in eine Selbsthilfegruppe komme, dann treffe ich dort auf Menschen, die nicht nur das gleiche Leid tragen, sondern auch auf Menschen, die die gleichen Fehler im Umgang haben mit ihrer Sucht, ihrer Krankheit oder welches Thema sie auch jeweils betreffen möge. 

 

 

 

Und wenn man nirgendwo sonst Hilfe findet, dann muss man selber tätig werden. Dann muss man sich selbst helfen. Denn andere, Nicht-Betroffene können das nicht.

 

 

 

Eines meiner Lieblingslieder aus dem Evangelischen Gesangbuch ist: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“

 

Eigentlich das Gegenprogramm zur Idee einer Selbsthilfegruppe.

 

 

 

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Als vor zwei Jahren die Weser über die Ufer trat und alles rund um Nienburg überflutete, da konnte sich ein Mann gerade noch so auf ein einsames Dach retten, dessen First noch aus den Wassermassen herausragte.

 

 

 

Die Wasserschutzpolizei schippert durch die Fluten um eingeschlossene Menschen zu retten. Und auch zum Mann auf dem Dach kamen sie. Mit lauter Stimme rief der Kapitän: „Fangen sie das Seil!. Wir sind gekommen, sie zu retten.“.

 

„Nein, Nein“, entgegnete der Mann. „Ich brauch sie nicht. Gott wird mich retten.“

 

Nicht lange Zeit darauf kommt ein zweites Boot. Diesmal die freiwillige Feuerwehr: „Wir holen Sie an Bord. Wir sind gekommen um Sie zu retten“

 

„Nein, Nein,“ entgegnet der Mann erneut. „Ich brauch sie nicht. Gott wird mich retten.“

 

Und auch das zweite Boot entfernt sich mit einem Kopfschütteln der Mannschaft. Gegen Abend wird das Wasser aufgewühlt vom Rotor eines Hubschraubers. Die Flugbereitschaft der Bundeswehr wurde eingesetzt, um die letzten Eingeschlossenen zu bergen.

 

Durch das Brausen des Windes rufen die Soldaten: Wir werfen ihnen eine Leiter runter. Gleich sind sie in Sicherheit.

 

Doch auch jetzt wieder die gleiche Antwort des Mannes: Nein, Nein. Ich brauch sie nicht. Gott wird mich retten.

 

 

 

Nicht lange darauf bricht das Haus, auf das er sich gerettet hat unter der Last der Wassermassen zusammen und der Mann ertrinkt, ohne dass Gott ihm zur Hilfe gekommen wäre. .

 

Als der Mann in den Himmel kommt, stellt er Gott zur Rede: Herr, mein ganzes Leben habe ich dir gedient. Keinen Gottesdienst habe ich verpasst und versucht mein Leben so gut es geht nach deinem Willen zu gestalten. Warum hast du mich allein gelassen, als ich deine Hilfe gebraucht habe?“

 

Gott schweigt einen Moment und schaut den Mann an und beginnt dann zu sprechen:

 

„Alter, ich habe dir die Polizei geschickt, die Feuerwehr und dann auch noch die Bundeswehr mit Hubschrauber…

 

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Vielleicht wirkt ja Gott auch durch Menschen und auch die kann man mal walten lassen, wenn man selber keine Kraft mehr hat.

 

 

 

Und Gott scheint verstanden zu haben, warum Selbsthilfegruppen so gut funktionieren. Damit wir das Vertrauen haben können, dass er uns versteht, ist Gott in Christus selbst Mensch geworden. Von Geburt bis zum Tod hat er das durchlebt und durchlitten, was unser menschliches Dasein ausmacht.

 

Wir sind die einzige Glaubensgemeinschaft, bei der das so ist. In anderen Kulturen wandelt der jeweilige Gott in Menschengestalt über unsere Welt, aber da ist das immer nur ein Kostüm.

 

Nur in Christus gab es die Idee, dass Gott selbst die Erfahrung macht, Mensch zu sein. Und das bis in die allerbitterste Konsequenz.

 

Wenn ich ehrlich bin, dann ist für mich der Tod am Kreuz eigentlich weniger eine Rechtfertigung unser Sünden sondern viel mehr das Zeichen, das Gott mich versteht. Dass er mich versteht, weil er es selbst durchlebt hat.

 

 

 

Vielleicht liegt hier der Kern, dass viele Selbsthilfegruppen sich als religiös verstehen oder zumindest religiöse Elemente in ihren Treffen aufnehmen. Die anonymen Alkoholiker haben ein Gebet, mit dem sie jedes Treffen abschließen.

 

Und wenn sie etwas tiefer einsteigen in die Materie, dann werden sie auf das 12 Schritte-Programm stoßen. Und wenn man sich das anschaut, dann könnte das eigentlich auch aus der Feder Martin Luthers kommen zur Frage, wie ein Christ durch die Welt zu gehen hat. Und das wäre auch dann gültig, wenn jemand keine Herausforderungen in seinem Leben hat, dem eine Selbsthilfegruppe gut tun würde.

 

 

 

Übrigens. Jeder zehnte Mensch in diesem Land hat schon einmal eine Selbsthilfegruppe besucht. Aktuell, so die Schätzungen besuchen 2,8% der Bevölkerung in Deutschland eine Selbsthilfegruppe. Das sind mehr als wir wöchentlich Besucher in unseren Gottesdiensten haben. Katholisch und Evangelisch zusammengerechnet.

 

 

 

Und wenn sie selbst nun nichts in ihrem Leben haben, dass die Inanspruchnahme eine Selbsthilfegruppe nötig macht?

 

Können sie dann einem Betroffenen gar nicht helfen? Sie haben ja selbst keine Ahnung und keine Erfahrung.

 

 

 

Hören Sie zu. Viel kann man verstehen auch ohne es selbst durchlitten zu haben.

 

Hören sie zu und probieren sie, nicht gleich Antworten und Ratschläge zu geben.

 

 

 

Wenn sie für diesen Menschen schon nicht einer sein können, der das Problem aus eigener Erfahrung kennt, dann seien sie wenigstens jemand, der versucht zu verstehen. Versuchen sie diesem Menschen jemand zu sein, der nicht gleich urteilt. Versuchen sie jemand zu sein, der daran glaubt, dass Veränderung möglich ist.

 

Auch dann noch, wenn es immer wieder Rückschläge gibt.

 

 

 

Versuchen sie sich hineinzudenken und aus der eigenen Haut der Absicherung, zumindest gedanklich, auszubrechen, um zu verstehen.

 

 

 

HERR, du erforschest mich und kennest mich.

 

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

 

Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

 

 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüßtest.

 

 

 

So verspricht es uns die Bibel. In dem Ausmaß werden wir Menschen das nicht schaffen.

 

Aber nicht aufgeben es zu probieren - das können wir schaffen.

 

 

 

Wir müssen uns nur ein Vorbild an den Menschen aus Selbsthilfegruppen nehmen.

 

 

 

Liebe Dagmar, lieber Rainer, liebe Sänger und Sängerinnen des Selbsthilfechors. Danke. Danke für das, was sie tun. Und danke, dass sie in diesen Gruppen die Botschaft Christi leben, auch wenn sie es vielleicht nicht unter diesem Namen tun.

 

Danke, dass sie die Welt miteinander ein Stückchen besser machen.

 

Weil sie helfen, hilft Gott

 

Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

 

 

 

 

 

 

 

Kollektengebet

 

Herr hier sind wir.

 

Ein jeder mit dem, was er in seinem Leben mitbekommen hat.

 

Das Leid, das erfahren wurde

 

Aber auch die Kraft zu tragen.

 

Das Wissen das aus Erfahrung entstand und die Erkenntnis, dass Wissen allein nicht reicht.

 

Die Einsamkeit die es gab und das Erleben nicht der einzige zu sein.

 

Und das Erlebnis, dass aus Schwäche Kraft erwachsen kann. Das Einsamkeit nicht unzerstörbar ist. Dass das Leben weitergeht, auch dann, wenn man es nicht glauben kann.

 

Herr sei du bei uns in solchen Momenten. In den Guten wie in den schweren Zeiten.

 

Darum bitten wir dich durch deinen Sohn, Jesus Christus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gelassenheitsgebet als Fürbitte:

 

 

 

Gott, gib uns die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können,
Gib uns den Mut, die Dinge zu ändern, die wir ändern können,
Und gib uns die Weisheit, um den Unterschied zwischen beidem zu erkennen.

 

Lass uns Einen Tag nach dem anderen leben,
  Einen Moment nach dem anderen zu genießen,
  Beschwernis als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren,
  Diese sündige Welt, wie Jesus es tat,
  So anzunehmen, wie sie ist,
  Nicht so, wie ich sie gern hätte,
  Darauf zu vertrauen, dass Du alles richtig machen wirst,
  Wenn ich mich Deinem Willen hingebe,
  Auf dass ich recht glücklich sein möge in diesem Leben
  Und überglücklich mit Dir auf ewig im nächsten.
  Amen.