Die Aufgabe einer Predigt ist es, Alte Texte und aktuelle Lebensumstände in einen Dialog zu bringen. 

 

Mit dem Preis der Kulturgottesdienste ehren wir andere Kulturschaffende, die solcherart Brückenschläge vornehmen. Für das Jahr 2025 geht der Preis an das Filmteam um Carsten Degenhardt für ihren Kurzfilm "Prolog der Finsternis".

 

Eine Geschichte aus der Zeit des Dritten Reiches, deren Dialoge zu einem großen Teil aus Aussagen heutiger AFD-Politiker formuliert sind. Sowohl die Idee als auch die Umsetzung hat die Jury zutiefst beeindruckt.

 

 

Fotos by: Lars Nitsch

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

 

 

 

Was ist die Aufgabe der Kirche?

 

Die Antwort kann ich ihnen im Wortlaut geben:

 

Die Aufgabe der Kirche ist: das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis zu predigen und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß zu reichen.

 

 

 

Vor 495 Jahren haben wir das in der lutherischen Kirche so für uns beschlossen.

 

Es ist der 7. Artikel des Augsburger Bekenntnisses.

 

Das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis zu predigen und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß zu reichen. Das ist die Aufgabe der Kirche.

 

 

 

Bei den Sakramenten habe ich mich bei den Kulturgottesdiensten eher zurückgehalten. Ein einziges Mal gab es eine Taufe. Die Sakramente haben eine klare Form. Deshalb wollte ich damit nie experimentieren. Es gibt genug zum Spielen und Ausprobieren in meinen Arbeitsbereichen, da darf ich dann bei den Sakramenten meine eigene kleine konservative Insel haben.

 

 

 

Aber beim Predigen, da habe ich alles ausprobiert, was mir sinnvoll erschien. Gebunden allein mit diesem einen kleinen Satz:

 

Das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis zu predigen

 

 

 

 

 

Keine Vorgabe nach einer Form! Eigentlich totale Freiheit. Denn das in Artikel 7 des Augsburger Bekenntnis von mir geforderte „reine Verständnis“

 

 habe ich nie als eine Einschränkung empfunden, sondern dankbar als Verstehenshilfe angenommen.

 

 

 

Und mit dieser Freiheit kann man nicht nur predigen. So kann man auch zuhören. Mit derselben Freiheit.

 

 

 

Mit dieser Freiheit können sie das Evangelium in einem Roman finden,

 

…in einem Lied…

 

In einer Tanzdarbietung …

 

oder eben: in einem Kurzfilm.

 

 

 

Und bei Prolog der Finsternis bin ich hellhörig geworden.

 

 

 

Zuerst in der Form. Da war einer, der es schafft, Jahrzehnte - ein ganzes Menschenleben -  filmisch zu überspringen.

 

Das Eine in die andere Zeit zu übertragen …

 

Die Parallelen auf zu zeigen.

 

Und das Ganze mit solch einer Ernsthaftigkeit und Kreativität,  dass man es nur bewundern kann.

 

 

 

Und Zweitens: Die Notwendigkeit ihres Schaffens.

 

 

 

Lieber Herr Degenhardt, ich habe mich mit ihrer Vita und ihrem Werk ein wenig auseinandergesetzt.

 

Sie schaffen es Gedanken in Bilder zu übersetzen. Um diese Bilder dann - ganz ohne Zwang - uns als Zuschauenden  zum Denken zu überreichen. 

 

Ein Vorschlag des Was-Wäre-Wenn-Spiels.

 

 

 

 

 

Und dann das Entscheidende:

 

Die Frage

 

„Was würdest du (heute) tun?“

 

 

 

Geht es in einer Kirche nicht genau darum?

 

Um diese eine Frage?

 

„Was würdest du (heute) tun?“

 

 

 

Diese Drei Punkte waren es, die uns dazu bewegt haben den Grenzgänger, den Preis der Kulturgottesdienste Carsten Degenhardt und Prolog der Finsternis zu widmen

 

·        Die kreative Form in der eine zeitliche Kluft übersprungen wird.

 

·        Die zwanglose Einladung zum Nachdenken

 

·        Und die Deutlichkeit der entscheidenden Frage.

 

 

 

… Und dann bleibt nur noch eines übrig. Sowohl für einen Gottesdienst als auch für einen Filmemacher:

 

 

 

Darauf hoffen, dass die Menschen, die es sehen, diese Frage für sich beantworten und dann dementsprechend handeln.

 

 

 

Was würdest du heute tun?

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Tun sie das!   

 

Beantworten sie diese Frage für sich.

 

Was würden Sie heute tun!

 

 

 

Und dann: Tun sie es!

 

 

 

Bevor wir ihnen den Film zeigen, möchte ich ihnen die biblische Begründung mitgeben, warum sie der Frage „Was würdest du heute tun“ eine Antwort schuldig sind.

 

Es sind die letzten Worte Jesu bevor die Ostergeschichte beginnt, der Startschuss zur Kreuzigung.

 

 

 

So steht geschrieben im Matthäusevangelium im 25. Kapitel:

 

 

 

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

 

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.

 

Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

 

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

 

Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet?

 

Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

 

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

 

 

 

Lieber Herr Degenhardt,

 

In gewisser Weise bekommen sie heute einen Predigtpreis. Für eine Predigt, die nur die religiösen Begriffe weglässt. Für eine Predigt die nicht auf der Kanzel, sondern auf der Leinwand gehalten wird.

 

Für eine Predigt die - anstelle des abstrakten Wort „Gott“ als Begründung für dieses Handeln - das konkrete Bild einer Menschlichkeit verwendet.

 

 

 

Was würdest du heute tun?

 

 

 

Lieber Herr Degenhardt: Wenn sie es schaffen, dass Menschen diese Frage für sich in ihren Herzen bewegen, und dann beginnen zu handeln, dann werden diese Menschen vielleicht leise, ganz, ganz leise die Worte Jesu hören: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“.

 

 

 

Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

 

 

 

 

 

 

Laudatio zr Preisverleihung

 

 

 

 

Zum ersten Mal verleihen die Kulturgottesdienste einen Preis.

 

Den Grenzgänger.

 

Für die Premiere haben wir anstelle eines Pokals oder einer Plakette etwas anderes gewählt.

 

 

 

Dass der Preis an Carsten Degenhardt gehen soll haben wir in der Küche entschieden.  Gemeinsam mit den Künstlern, die zum festen Stamm der Kulturgottesdienste gehören.

 

Sergio war es, der den Vorschlag machte, die Statue für diesen Preis zu spenden. Sie stammt aus den Händen von Rene Metain, Sergios Großvater. Als Franzose lebte er während der Nazizeit in Berlin und arbeitete als Cutter bei der UfA. Und arbeitete dort mit Schauspielern wie Gustav Gründgens zusammen.

 

 

 

Er war ein Schüler Wassily Kandinskiys und kam bei Kriegsbeginn, obgleich selber in Deutschland geboren, als Franzose in Kriegsgefangenschaft. Sein Bruder, der als Regisseur arbeitete hatte Deutschland schon nach der Machtergreifung verlassen.

 

 

 

Irgendwie hat er sich durchgemogelt und immer wieder schob ihm jemand bei der UfA ein paar Jobs zu. Auch wenn das bedeutete an den Propagandafilmen der Nazis beteiligt zu sein. Nach dem Krieg zog er nach Frankreich.

 

Und auch für seine Geschichte die Frage:

 

Was würdest du heute tun?

 

Fliehen? Aktiven Widerstand leisten? Oder aber seine Familie irgendwie durch die Zeit bringen.

 

 

 

Was würdest du heute tun?

 

Diese Frage ist nicht mit dem Film Prolog der Finsternis vorbei. Diese Frage muss wieder und wieder und wieder gestellt werden.

 

Daran möge sie der Grenzgänger immer wieder erinnern. Dass sie sich selbst diese Frage stellen und dass sie uns diese Frage stellen.

 

 

 

Lieber Herr Degenhardt, Herzlichen Glückwunsch zum Preis der Kulturgottesdienste.