Predigt

 

Liebe Gemeinde,

 

 

 

In eine streng-katholische Familie im Ruhrgebiet ist Franz Josef Degenhardt hineingeboren. Zur Schule gegangen beim Reformpädagogen Fritz Helling. Dessen „Pädagogik vom Kinde aus“ und seine „Erziehung von Kopf und Hand“ hatten ihm Gefängnis unter den Nazis eingebracht.

 

Die Reformpädagogik wurde auch nach dem Krieg kritisch beäugt und auch vom Verfassungsschutz beobachtet. Einem Berufsverbot unter Adenauer entging Helling durch einen vorgezogenen Ruhestand.

 

Franz Josef Degenhardt hat das als Gymnasiast aus nächster Nähe miterlebt.

 

 

 

Wie die Verfolgten des Nationalsozialismus auch in der jungen Bundesrepublik nicht gelitten waren. Wie im Verfassungsschutz sich all die alten Gestapo-Schergen wieder einnisten konnten. Und wie das alte Nazi-Denken sich unter dem persilscheingewaschenen Deckmäntelchen des Wirtschaftsaufschwungs sich immer wieder Bahn brach.

 

 

 

Er studierte Jura. Ein Weg um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.

 

Als die 68 ihren Höhepunkt hatten, da war Degenhardt schon fertiger und promovierter Rechtsanwalt. Immer wieder verteidigte er in politischen Prozessen. Unter anderem auch Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe.

 

 

 

Ich habe keinen Beleg dafür gefunden, aber Konstantin Wecker behauptete, dass es den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in den 7oern verboten gewesen wäre, die Lieder eines Franz Josef Degenhardts zu spielen.

 

Ich habe Degenhardt immer dafür gemocht, dass er keine plumpen Parolen schmetterte. Sprachlich schön und voller Bilder und Gleichnisse sind seine Texte. So manchen Bezug würden meine Kinder gar nicht mehr verstehen.

 

Bei Degenhardt bleibt so manches offen. Wie man etwas zu verstehen hat. Und was besonders spannend ist: Wenn man die Lieder verstehen will, dann muss man sich beantworten wo man selbst steht.

 

 

 

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.

 

 

 

Wer sind sie in diesem Lied?

 

Sind sie eines der Schmuddelkinder?  Oder doch eher der, der so fasziniert von den Schmuddelkindern ist und doch eigentlich nicht mit ihnen spielen darf?

 

Oder sind sie in dem Lied nicht viel eher der Vater, der Lehrer oder der Pastor.

 

 

 

Oder ist ihr eigener Marsch durch die Institutionen so lang gewesen, dass sie nach und nach die Rollen gewechselt haben, die sie in diesem Lied spielen würden?

 

 

 

Es geht immer wieder um Außenseiter im Werk von Franz Josef Degenhardt. Immer wieder Geschichten vom Ausgestoßen-sein, vom ausgestoßen werden. und vom Ausstoßen.

 

 

 

Wer Täter und wer Opfer ist in diesem Spiel verwischt an den Rändern.

 

Genauso undeutlich bleibt das Warum. Sind es die alten Nazi-Vorurteile, oder bürgerliches Biedermeier?

 

Hat man das so von seinen Eltern übernommen oder ist es eine eigene Erfahrung?

 

 

 

Ich habe mein ganzes Leben mit Schmuddelkindern gespielt. Ich bin in einem offenen Pfarrhaus aufgewachsen und unsere Eltern haben uns nicht geschont was die Realität der Welt angeht. Den ersten kalten Heroinentzug habe ich mit angesehen, da war ich noch in der Grundschule.

 

Obdachlose, Behinderte, Schwule…  was es alles an Außenseitern gab in den 80ern und 90er, haben wir als Kinder und Jugendliche kennengelernt.

 

All die Schmuddelkinder unserer Republik.

 

Und denen wurde die Tür aufgemacht. Und so richtig trennen konnte man das nie, was berufliches Engagement meines Vaters war und was die Familie da zu übernehmen hatte.

 

Außenseiter waren für mich immer recht normal.

 

Dann habe ich nacvh der Schule drei Jahre in einer Drogenberatung in Amsterdam gearbeitet. Wieder die Außenseiter der Gesellschaft. Mitten in den Anstalten von Bethel und der Rotenburger Werke habe ich gewohnt. Hausbesetzer, Fahrendes Volk, Kleinkriminelle, Illegale.

 

Ein wenig war ich selbst überrascht als ich bei den  Vorbereitungen für heute abend mein eigenes Leben durchgegangen bin.

 

Eine große Sammlung von Schmuddelkindern und Außenseitern waren da mein ganzes Leben lang.

 

 

 

Aber so richtig einer von Ihnen war ich nicht. Aber so ganz zu den Bürgerlichen gehörte ich auch nie.

 

Als ich im Circus gearbeitet habe, da war ich für die Menschen in dieser Welt der, der auch Theologie studiert. An der Uni war ich dann eher der vom Circus.

 

 

 

Vielleicht haben mich auch deshalb die Lieder von Degenhardt immer berührt. Weil auch der Sänger irgendwie zwischen den Stühlen sitzt.

 

Eingeklemmt zwischen deutschen Sonntag und Rumpelstilzchen.

 

Ein sowohl-als-auch und genauso ein entweder-oder.

 

 

 

Ich habe ihnen als biblische Lesung für heute die Heilung des Wahnsinnigen von Gerasa ausgewählt.

 

 

 

Eine Heilungsgeschichte. Doch sie unterscheidet sich von den anderen Heilungsgeschichten. Lassen sie diese seltsame Ausformung mit den Schweinen einfach mal zur Seite. Denn viel spannender ist Anfang und Ende

 

 

 

Und als er ans Land trat, begegnete ihm ein Mann aus der Stadt, der hatte böse Geister; er trug seit langer Zeit keine Kleider mehr und blieb in keinem Hause, sondern in den Grabhöhlen.

 

 

 

Ein Schmuddelkind. Ausgestoßen aus der Gesellschaft.

 

Was er  von der Gesellschaft als Behandlung bekommen hatte? Ketten und Fesseln. Und dann, als er alleine in die Wüste floh, da waren wahrscheinlich alle froh, den los zu sein.

 

 

 

Und als die Geschichte endet, als die bösen Geister ausgetrieben waren, da kommen die Menschen zu Jesus und sehen.

 

 

 

Und sie fanden den Menschen, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken.

 

 

 

Das ist das Besondere an dieser Heilungsgeschichte. Normalerweise sind die Mensch en erstaunt oder erschrecken über das, was Jesus an Wundern vollbringt.

 

In dieser besonderen Heilungsgeschichte erschrecken die Menschen, weil der, den sie zum Schmuddelkind erklärt haben, weil der, den sie ausgestoßen hatten, weil der plötzlich dort sitzt und ein Unterschied nicht mehr zu erkennen ist.

 

Dieser Verrückte, den man erst gefesselt hatte und dann nur heilfroh war dass er weglief und nicht mehr das eigene Problem war, dieser Verrückte und Außenseiter sitzt dda neben Jesus. Und vor allem Jesus sitzt neben ihm.

 

Ohne die Scheu der anderen Menschen sitzt Jesus da. Ohne die unbestimmte bürgerliche Furcht, ein Schmuddelkinddasein könnte ansteckend sein.

 

 

 

Die Menschen erschrecken, weil sie sich selbst plötzlich erkennen. Sie erkennen sich selbst mit der unmenschlichen Ausgrenzung, mit der sie einen Hilfebedürftigen geplagt haben.

 

Und sie erkennen sich selbst und wie schmal der Grat eigentlich nur ist zwischen Anerkannt und Außenseiter.

 

 

 

Ich habe ihnen die biblische Geschichte nicht bis zum Ende vorgelesen. Ein Vers kommt noch.

 

 

 

 

 

37 Und die ganze Menge aus dem umliegenden Land der Gerasener bat Jesus, von ihnen fortzugehen; denn es hatte sie große Furcht ergriffen. Und er stieg ins Boot und kehrte zurück.

 

 

 

Ich hatte ihnen gesagt, dass diese Heilungsgeschichte eine besondere wäre. Und das ist sie auch, denn es ist die einzige Heilungsgeschichte, in der Jesus versagt. Das Wunder hat nicht stattgefunden.

 

Denn nicht das Schmuddelkind, nicht der Wahnsinnige von Gerasa war derjenige der geheilt werden sollte.

 

 

 

Es waren die Menschen, die ihn erst gefesselt hatten als er anstrengend wurde und ihn dann zwischen den Grabhöhlen haben versauern lassen.

 

Aus den Augen aus dem Sinn.

 

 

 

 

 

Und die ganze Menge aus dem umliegenden Land der Gerasener bat Jesus, von ihnen fortzugehen

 

 

 

So lieber Herr Christus. Hast du es nun verstanden. Wir wollen nicht, dass hier mit den Schmuddelkindern gespielt wird.

 

 

 

Das ist eine Erfahrung die ich auch machen musste.

 

Sobald man einem Schmuddelkind eine Brücke baut, schon indem man auch nur in Kontakt tritt, entfernt man sich ein Stück aus der Gemeinschaft der Nicht-Schmuddelkinder. Ganz so, als wäre das ansteckend.

 

 

 

Mir wurde mal vorgeworfen in einer Gemeinde, ich würde mit den Alkoholikern im Park abhängen.

 

 

 

Ich hab damals einen Moment gezweifelt ob ich das als Kompliment oder als Angriff werten müsste.

 

 

 

Selbstverständlich habe ich Kontakt mit den Alkoholikern im Park von Fallingbostel.

 

Erstens werde ich dafür bezahlt.

 

Zweitens sollte das für einen Christen eigentlich selbstverständlich sein.

 

Und drittens, waren das auch ganz nette Jungs, mit denen man beim Spaziergang ein paar Worte wechseln kann.

 

Schmuddelkinder, ja so könnte man sie nennen. Gammler hieß das glaube ich als die meisten von ihnen jung waren.

 

 

 

Bislang habe ich es ihnen leicht gemacht. Die Schmuddelkinder von denen ich erzählt habe waren alle leicht zu erkennen. Es gibt aber noch andere Außenseiter als diese plakativen Fälle. Die Frau mit Angststörungen im dritten Stock, die nach einem Raubüberfall sich kaum noch auf die Straße traut.

 

 

 

Der Mann mit den Brandnarben im Gesicht vor dessen Aussehen sich ihr Enkel so fürchtet.

 

 

 

Das Kind mit der Schuppenflechte am ganzen Körper.

 

 

 

Manchmal macht einen das Schicksal zum Außenseiter.

 

 

 

Und manchmal möchte man das auch selber. Nicht dazugehören, ganz besonders individuell sein. Was Besonderes sein. Auch das findet sich unter den Außenseitern. Und so mancher hat als Jugendlicher damit gespielt und ausprobiert. Hing eine Zeit bei den Schmuddelkindern ab und dann war diese Phase auch vorbei.

 

 

 

Was bei den Liedern von Degenhardt spannend ist, ist die Frage, wer den etwas lernen soll aus den Liedern.

 

Eigentlich sind das nie die Schmuddelkinder.

 

 

 

Eigentlich richtet sich die Frage an die Gesellschaft. An uns.

 

Wie geht ihr mit euren Außenseitern um?

 

 

 

Sperren wir sie in Sanatorien, in Heime, Erziehungsanstalten und Gefängnisse?

 

Schrauben wir Handgriffe auf unsere Parkbänke, damit sich niemand dort mehr hinlegen kann?

 

Vertreiben wir die Junkies hinterm Bahnhof und tun damit so als gäbe es Menschen die dort sein dürfen und Menschen die man einfach so vertreiben kann. Aus den Augen aus dem Sinn.

 

 

 

Oder wollen wir ein paar von denen behalten. Ist für eine Gesellschaft ja auch ganz praktisch jemanden zu haben, auf den man mit dem Finger zeigen kann.

 

Vielleicht auch als Bedrohungsbild in der Kindererziehung. Wenn du nicht gehorchst, dann wirst du irgendwann zu einem von denen.

 

Und noch eine zweite Frage richtet sich an die Bürgerlichen. An die, die sich für kein Schmuddelkind halten:

 

Bist du glücklich, so wie du lebst?

 

Ist dein Leben, so wie es ist, wirklich das, was du willst?

 

 

 

Die Schmuddelkinder zeigen uns, dass man sein Leben auch anders leben kann. Dass man ganz vieles gar nicht braucht.

 

Gehen sie das Lied von den Schmuddelkindern noch einmal durch. An keiner Stelle, in keiner Strophe macht eines der Schmuddelkinder einen unzufriedenen Eindruck.

 

Die bürgerlich Fraktion des Liedes schäumt sicherlich nicht vor Lebensfreude über. Ein starres Korsett der Regeln – ob geschriebene oder ungeschriebene.

 

Und die unausgesprochene Sehnsucht danach aus diesem Korsett auszubrechen.

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

niemand von Ihnen ist zu alt oder zu jung, zu dumm oder zu schlau, als dass ihm und ihr verwehrt wäre auszubrechen. Sie können jederzeit das Korsett der Regelmentierung ausziehen und barfuß zum Kaninchenstall hüpfen. Sie können sich Freiheit gönnen.

 

Und ich kann ihnen dabei eines versprechen, sie müssen diesen Weg der Freiheit nicht bis ans Ende gehen. Niemand von ihnen ist gezwungen das Leben der Schmuddelkinder zu teilen, sie haben selbst in der Hand wie sehr sie daran teilhaben möchten.

 

Und man kann ganz viel lernen, wenn man seine Komfortzone der Sicherheit verlässt.

 

Wenn ich zurückschaue, dann bin ich mir nicht mehr sicher, bei wem ich mehr über Gott gelernt habe. Bei meinen Professoren oder bei meinen Schmuddelkindern.

 

 

 

Wahrscheinlich waren es die Schmuddelkinder.

 

 

 

Nehmen sie sich ein Beispiel an unserem Herrn Jesus aus dem Predigttext.

 

Das wirkliche Wunder dieser Geschichte ist jedem einzelnen von ihnen möglich.

 

Jesus hat nichts weiter gemacht als bei dem Mann zu bleiben und sich ganz normal mit ihm zu unterhalten.

 

 

 

Ob jemand ein Schmuddelkind ist oder nicht, dass entscheiden sie ganz allein. Und nur weil jemand anders meint da wäre ein Schmuddelkind und die haben außerhalb zu sein, nur weil jemand das meint, müssen sie das noch lange nicht.

 

 

 

Trauen sie sich. Trauen sie sich ab und zu mal bei den Kaninchenställen stehen zu bleiben. Man kann da Phantastisches entdecken.

 

Und wenn sie offen sind, dann können sie plötzlich erkennen, dass da jemand Außenseiter war, nur  weil wir ihn dazu gemacht haben.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus Amen